jungen Welt vom 06.06.2003Wie geht es weiter mit der Globalisierungskritik?
Oliver Moldenhauer vom Koordinierungskreis von ATTAC Deutschland war an der Mobilisierung zu den Protesten nach Evian beteiligt. jW sprach mit ihm
Interview: Peter Nowak

F: Die Proteste gegen das G-8-Treffen in Evian wurden in den Medien unterschiedlich aufgenommen. Wie schaetzt ATTAC die Mobilisierung ein?
Sie war sehr erfolgreich. Im Vergleich zu den Protesten in Genua vor zwei Jahren war eine massive Verstaerkung der Teilnehmerzahl aus unserem Spektrum zu verzeichnen. In Genua waren es etwa 150, jetzt ungefaehr 1500, die aus dem ATTAC-Umfeld dabei waren. Auch die Tagesordnung des G-8-Gipfels zeigt, dass man rhetorisch auf uns eingeht. So regte der franzoesische Staatspraesident Chirac eine Partnerschaft mit den Entwicklungslaendern an. Jenseits aller Rhetorik hat sich in der Sache selber allerdings bisher wenig getan.

F: Protestteilnehmer kritisierten, dass sich das Widerstandskonzept in Evian auf symbolische Aktionen beschraenkte, waehrend es noch in Genua das Ziel war, in die Roten Zonen einzudringen.
Von einem defensiven Vorgehen wuerde ich auf keinen Fall reden. Die mehrstuendige Blockade der Autobahn Annemasse-Evian war ein sehr offensives Konzept. Die Massendemonstrationen mit ueber hunderttausend Teilnehmern waren ebenfalls ein deutliches Signal. Daneben gab es noch viele kleinere Aktionen, beispielsweise die Badeaktion unter dem Motto: "G8 schwimmt obenauf, die Welt geht unter."

F: Ist durch die Proteste in Evian die Stagnation ueberwunden, die bei der globalisierungskritischen Bewegung nach den Anschlaegen vom 11. September 2001 und dem Irak-Krieg vielerorts prognostiziert wurde?
Es stimmt, dass kurz nach dem 11.September die Oeffentlichkeit fuer unsere Themen geringer war. Allerdings ist ATTAC kontinuierlich gewachsen, hat also keine Stagnation erlebt. Ohne den Krieg waeren unsere Themen, wie beispielsweise die GATS-Diskussion, staerker in die Oeffentlichkeit gekommen. Aber die Zusammenarbeit mit der Antikriegsbewegung hat die globalisierungskritische Bewegung eher gestaerkt als geschwaecht. Dadurch sind viele neue Aktivistinnen und Aktivisten dazugekommen.

F: Muessen wir jetzt zum naechsten Grossereignis warten, um die Globalisierungskritiker wieder wahrzunehmen?
Im Gegenteil. Solche Treffen geben vielen Teilnehmern Anstoesse fuer ihre lokale Arbeit. Da bieten sich verschiedene Themen an. Zum Beispiel der Kampf gegen die "Agenda 2010" oder die Privatisierung des Wassers. Auf internationaler Ebene wird in den naechsten Monaten die Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation WTO im mexikanischen Cancun im Mittelpunkt stehen. Bei diesem Folgetreffen von Seattle geht es unter anderem um weitere Liberalisierung in den Sektoren Dienstleistungen und Landwirtschaft sowie um ein Investorenschutzabkommen, das vor allem die EU fordert. Ein globaler Aktionstag am 9. September soll weltweit die Abfahrt der Regierungsdelegationen nach Cancun blockieren. Am 13. September wird es einen internationalen Aktionstag gegen das Treffen von Cancun geben.

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