TAZ29.10.03Heißer Herbst mit frischem Obst
Ein breites Bündnis von Ver.di und PDS über Attac bis hin zu Kommunisten
will am Samstag gegen Hartz und Co. demonstrieren - teilweise auch gegeneinander
Eines der beliebteren Sprachbilder von Gewerkschaften oder
Interessenverbänden ist "heißer Herbst". Den haben sie nun mal wieder angekündigt. Am Samstag
soll gegen die geplanten Sozialkürzungen demonstriert werden. "Es reicht!
Alle gemeinsam gegen Sozialkahlschlag", rufen Erwerbslosen- und
Sozialhilfeorganisationen, die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, die
globalisierungskritische Organisation Attac und die PDS Demonstranten aus dem gesamten Bundegebiet
nach Berlin.
Zehntausend Teilnehmer seien bereits angemeldet, erklärte Laura von
Wimmersperg. "Die Resonanz ist groß. Aus dem ganzen Bundesgebiet werden Busse
erwartet", meinte auch der Berliner IG-BAU-Vorsitzende Lothar Nietebusch. "Wir
demonstrieren gegen die neoliberale Einheitspartei Deutschlands samt deren vier
Blockparteien", kalauerte Pedram Shahyar von Attac Berlin.
Dabei war die ursprünglich von Erwerbslosengruppen initiierte Demonstration
lange Zeit umstritten. Sowohl bei Attac als auch beim Berliner Sozialforum
gab es lange Zeit Vorbehalte gegen eine Teilnahme. Nun erläuterte der Sprecher
des neu gegründeten Berliner Sozialforums, Michael Prütz, den Demoablauf.
Die Auftaktveranstaltung beginnt um 13 Uhr auf dem Alexanderplatz. Dort
sollen der Stuttgarter Betriebsrat Matthias Fritz und Nico Weinmann vom
Gemeinsamen Jugendblock sprechen. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss
linker Jugendgruppen, die schwerpunktmäßig SchülerInnen und StudentInnen für den
Kampf gegen den Sozialabbau aktivieren wollen. Bei einer Zwischenkundgebung
auf dem Gendarmenmarkt wird unter anderem der Sozialwissenschaftler Reiner Roth
sprechen, der sich in seinen Forschungen und Schriften mit der sozialen
Verelendung in Deutschland beschäftigt. Die Demonstration wird in der Nähe des
Brandenburger Tors enden.
Um das RednerInnenkonzept gab es im Vorbereitungskreis wochenlangen Streit.
Erst Anfang Oktober wurde auf einer außerplanmäßig einberufenen Versammlung
in Berlin eine schon beschlossene Rednerliste gekippt. Attac und PDS hatten
eine zu starke Dominanz der linken Kaderpartei MLPD (Marxistisch Leninistische
Partei Deutschland) befürchtet. Andere wiederum sahen in diesem Vorgehen
einen Putsch und traten aus dem Vorbereitungskreis zurück.
Auch das aktuelle Konzept findet nicht die ungeteilte Zustimmung. So heißt
es in der von einer Gruppe Internationaler KommunstInnen verfassten
Presseerklärung: "Auch die PDS trägt in Berlin alle Sparbeschlüsse und Angriffe auf
unsere Lebensgrundlagen aktiv mit. Die Gewerkschaftsspitze setzt diesen
Angriffen außer Presseerklärungen keinen Widerstand entgegen. Wir halten es für eine
Heuchelei, wenn Einzelgewerkschaften und sogar die PDS am 1. 11. zum Protest
aufrufen." Die Gruppe ruft mit weiteren anderen autonomen Gruppierungen zu
einem sozialrevolutionären Block auf der Demonstration auf.
Die Freie Arbeiter Union (FAU), die mit einem anarchosyndikalistischen Block
vertreten sein will, hat gar dazu aufgefordert, den VertreterInnen von
Parteien und der Gewerkschaftsspitze mit Obst und Gemüse die Meinung zu sagen.
"PETER NOWAK

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