jungen Welt vom 17.12.2002"Ich will meine Vergangenheit zurueck".

Kampagne fuer tuerkische Repressionsopfer: Politische Anklage gegen Laender Europas?
PVesile Yuecel ist Rechtsanwaeltin in Koeln und gehoert zu den Initiatoren der Menschenrechtskampagne "Ich will meine Vergangenheit zurueck", die sich fuer drei inhaftierte Frauen in der Tuerkei einsetzt
Interview: Peter Nowak

F: Welches Ziel verfolgen Sie mit der Kampagne?

Wir wollen mit dieser Kampagne Birsen Kars, Ebru Dincer und Hacer Arikan unterstuetzen. Die drei in der Tuerkei inhaftierten Frauen haben waehrend des militaerischen Angriffs auf die Gefaengnisse im Dezember 2000 schwere Verletzungen erlitten. In die Gefaengniszellen, in denen sich die Frauen befanden, wurde ein bisher unbekanntes chemisches Gas gesprueht. Es entzuendete sich, und sechs gefangene Frauen verbrannten bei lebendigem Leibe. Die drei genannten Frauen ueberlebten mit schwersten Verbrennungen am ganzen Koerper, weil sie von Mitgefangenen in letzter Minute aus den brennenden Zellen gezerrt wurden. Um ihnen ein menschenwuerdiges Leben zu ermoeglichen, muessen ueber 20 chirurgische Operationen durchgefuehrt werden. Doch die Frauen kommen aus armen Verhaeltnissen. Ohne finanzielle Unterstuetzung von aussen koennten sie sich die Operationen niemals leisten. So haben wir beschlossen, fuer diese Frauen eine Spendenkampagne ins Leben zu rufen.

F: Haben Sie ueber den humanitaeren Aspekt hinaus auch ein politisches Ziel?

Bei dieser Kampagne geht es in erster Linie um die Wahrung der Menschenrechte. Jede Aktivitaet hat aber immer auch ein politisches Ziel. Sie klagt die europaeischen Laender an, die so viel von Menschenrechten reden, aber die Menschenrechtsverletzungen in der Tuerkei beharrlich ignorieren. Wir beziehen damit klar Stellung gegen die Angriffe des tuerkischen Staates auf politische Gefangene, die bis zum heutigen Tag andauern.

F: Wie ist der Gesundheitszustand der uebrigen Gefangenen, die sich am Hungerstreik beteiligt haben?

Es gibt ueber 500 ehemalige Gefangene, die im Hungerstreik ihr Bewusstsein verloren haben oder an anderen schweren Behinderungen leiden. Die meisten von ihnen sind bettlaegerig. Diese Menschen werden zur Zielscheibe der Repression gemacht und in den Medien als "lebende Bomben" dargestellt. Sie muessen immer in der Angst leben, wieder festgenommen zu werden. Es gibt mittlerweile eigene Krankenstationen fuer die unter den Folgen von Zwangsernaehrung leidenden ehemaligen Gefangenen. Nach Informationen, die wir von den Gefangenen oder ihren Anwaelten erhalten haben, werden die Patienten auf diesen Stationen als Versuchsobjekte benutzt. Die Angehoerigen der Gefangenen haben mittlerweile Strafanzeige erstattet.

F: Welche Resonanz gab es bisher auf den Aufruf?

Bisher waren wir mit der Kampagne nicht sehr erfolgreich. Bis auf wenige Einzelpersonen gab es keinerlei Reaktionen. Vor allem Menschenrechtsgruppen, von denen wir uns Unterstuetzung erhofft hatten, blieben bisher untaetig. Auch die Presse zeigt bisher wenig Interesse.

* Spendenkonto: Ahmet Duezguen Yueksel, Stadtsparkasse Dortmund, Kontonr.: 292 136 803, BLZ 440 501 99

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