jungen Welt vom 29.08.2002Internationale syndikalistische Konferenz

Warum diese ideologische Beschraenkung?
jW sprach mit Mona Grosche, Mitorganisatorin der anarchosyndikalistischen Konferenz i2002 vom 29. August bis zum 1. September in Essen
Interview: Peter Nowak

F: Ab Donnerstag treffen sich in Essen linke Gewerkschafter zur i2002. Wen erwarten Sie?

Wir rechnen mit zirka 180 (anarcho-)syndikalistischen und anderen Gewerkschaftern aus mehr als 20 Laendern, unter anderem aus Russland (Sibirien), Australien und Japan. Ein Zusammentreffen in dieser Groessenordnung und Vielfalt hat es lange nicht mehr gegeben.

F: Vorbild ist die i99, die im Juni 1999 in San Francisco stattfand. Was wurde dort seinerzeit beschlossen?

Es ging bei der Konferenz i99 genausowenig wie in diesem Jahr um Beschluesse, sondern um den Erfahrungsaustausch ueber gewerkschaftliche Praxis und die Verbesserung der Zusammenarbeit. Gerade angesichts der kapitalistischen Globalisierung ist es extrem wichtig, sich auch als Gewerkschaften global zu koordinieren - ganz im Sinne des Internationalismus, der ja schon immer eines der Grundelemente unserer Arbeit war. Beim i99 wurde aber nicht nur diskutiert: Ganz konkret wurden unter anderem Solidaritaetsaktionen mit den seinerzeit streikenden US-amerikanischen Stahlarbeitern, die sich an der Konferenz beteiligten, besprochen und nicht zuletzt die Koordinierung unserer Proteste bei der Tagung der Welthandelsorganisation in Seattle in die Wege geleitet.

F: Was ist das Ziel des diesjaehrigen Treffens?

Wir moechten die Diskussionen, die wir beim i99 begonnen haben, fortsetzen und intensivieren. Allerdings waere der Eindruck falsch, es handele sich um eine typische "Laberkonferenz". Die Referate und Workshops, zum Beispiel zur Arbeit in Callcentern oder im Baugewerbe, greifen konkrete Probleme auf, denen wir alltaeglich begegnen. Es geht uns darum, hier anzusetzen und den Widerstand dort voranzutreiben und zu organisieren, wo wir leben und arbeiten.

F: Es soll ein Treffen syndikalistischer Gewerkschafter sein. Warum diese ideologische Beschraenkung?

Ich kann keine ideologische Beschraenkung darin sehen, die eigene Bewegung voranbringen zu wollen. Was fuer uns zaehlt, ist weniger die ideologische Einordnung als vielmehr die gewerkschaftliche Praxis.

F: Welche Relevanz hat ein solches Treffen? Schliesslich fristet die syndikalistische Bewegung in Deutschland ein Schattendasein.

Sicher ist die Freie ArbeiterInnen Union (FAU) noch weit davon entfernt, an die Zeiten der FAUD in den 20ern heranzureichen, als diese ueber 100000 Mitglieder hatte. Dennoch waechst unsere Bewegung in letzter Zeit langsam, aber stetig. Ich denke, das liegt zum einen daran, dass sich immer mehr frustriert vom DGB und seiner Funktionaerspolitik abwenden. Zum anderen aber auch an der Ausbreitung von Arbeitslosigkeit, Zeitarbeit und Leiharbeit, deren Folgen fuer jeden spuerbar sind. Deshalb nehmen mehr Menschen selbstorganisierte Gewerkschaftsarbeit als Alternative zum Bestehenden wahr.

* Weitere Infos unter www.fau.org/i2002
 

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