jungen Welt vom 17.07.2002Opfer in Israel und Palästina: Solidarität aus geteiltem Leid?
jW sprach mit Nira Lavi, israelisches, und Ibrahim Bushnak, palästinensisches Mitglied des Forums Hinterbliebener Familien (BFF), in dem Verwandte von Terroropfern beider Seiten organisiert sind
Interview: Peter Nowak

F: Wie ist das BFF entstanden?

Lavi: Es wurde von dem israelischen Geschäftsmann Yitzhak Frankenthal gegründet, nachdem sein Sohn 1994 als Wehrdienstleistender der israelischen Armee von Palästinensern getötet worden war. Mitglieder sind Israelis und Palästinenser, die durch den bewaffneten Konflikt nahe Familienangehörige verloren haben. Zurzeit gehören dem Forum etwa 200 israelische und 140 palästinensische Familien an.

F: Wie arbeitet das Forum?

Lavi: Eine unserer Aktionen im März dieses Jahres war das Aufstellen von 1400 Särgen in der Innenstadt von Tel Aviv. Sie sollten die Toten der zweiten Intifada auf beiden Seiten symbolisieren. Schwerpunkt unserer Arbeit ist allerdings eher die Organisierung von Dialogveranstaltungen mit Familien beider Seiten, die Angehörige im Konflikt verloren haben. Wenn wir zusammenkommen, reden wir nicht in erster Linie über Friedensvorschläge. Da haben wir wahrscheinlich verschiedene Vorstellungen. Wir können aber mit den palästinensischen Familien über unsere toten Angehörigen sprechen. Da sind wir uns sehr ähnlich. Denn die palästinensischen Familien empfinden den gleichen Schmerz wie wir. Außerdem können wir den Tätern verzeihen, damit nicht andere Familien den gleichen Schmerz empfinden müssen. Das können nur wir machen, weil wir es selber erlebt haben.

F: Ist das BFF Teil der Friedensbewegung?

Bushnak: Es gibt Sympathien für die Friedensbewegung, aber der Begriff des Friedens wird auf beiden Seiten verschieden interpretiert. Für die Israelis bedeutet Frieden in erster Linie mehr Sicherheit und offene Grenzen für die Wirtschaft, während die Palästinenser Frieden mit dem Ende der Besatzung, dem Abbau der Siedlungen und einem eigenen Staat verbinden.

F: Wie werden Sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Lavi: Die vielen Anschläge haben das politische Spektrum Israels nach rechts verschoben. Es ist wenig Raum für Organisationen, die den Dialog suchen.

Bushnak: Die israelischen Medien ignorieren uns. Dafür ist im Ausland die Resonanz um so größer. In den USA gibt es ein großes Interesse an unserer Arbeit, und die Medien haben ausführlich darüber berichtet.

F: Wie hat sich die Verschärfung des Konflikts auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Lavi: Die Organisation ist gewachsen. Besonders Israelis sind zu uns gestoßen. Der traurige Hintergrund ist, daß die Zahl der Opfer zugenommen hat.

Bushnak: Der Kontakt zu unserer Zweigorganisation in Gaza ist abgebrochen. Aber das liegt vor allem daran, daß die Aktivisten in der Westbank leben. Die zugespitzte Situation in der Region erschwert unsere Arbeit natürlich enorm. Das zeigte sich auch bei der Rundreise, die wir kürzlich durch Europa gemacht haben. Die Vertreterin der Menschenrechtsorganisation Addameer konnte nicht, wie ursprünglich geplant, teilnehmen, weil sie von den israelischen Behörden keine Ausreisegenehmigung bekommen hatte. Zur Zeit ist es keinem Palästinenser möglich, nach Israel zu gelangen. Aber auch die Kontakte zwischen den einzelnen Städten in der Westbank wurden durch die Belagerung enorm erschwert.

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