jungen Welt vom 04.11.2002 Aufbruch zu einem neuen Internationalismus?.

Globalisierungskritik nach Seattle und Genua: Aufbruch zu einem neuen Internationalismus?
jW sprach mit Josef Moe Hierlmeier (BUKO)
Interview: Peter Nowak

* Josef Moe Hierlmeier ist Mitarbeiter der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) und Autor des Buches "Internationalismus - Eine Einfuehrung in seine Ideengeschichte von Vietnam bis Genua", das er am heutigen Montag im Club Voltaire in Frankfurt/M. vorstellen wird


F: Was gab Ihnen den Anstoss fuer Ihr neuestes Buch?

Mit den Protesten von Seattle und Genua ist Bewegung in die Szene gekommen. Der Lobbyismus, der die bestehenden Macht- und Herrschaftsverhaeltnisse aus seiner Analyse ausklammert, wurde in Frage gestellt. Um diesen Aufbruch ins Positive zu wenden, muss sich die Bewegung die Geschichte der Vorlaeuferbewegungen vergegenwaertigen, weil diese nicht abgeschlossen ist, sondern uns in vielfaeltiger Weise beeinflusst. Der Erfolg des Buches bei Jung und Alt beweist, dass es hierfuer ein Beduerfnis gibt.

F: Sie sprechen in Ihrem Buch von einer "Rehabilitierung des Protests". Wie muss diese vonstatten gehen?

Es gab in den vergangenen Jahren Mobilisierungserfolge, die noch vor ein paar Jahren unvorstellbar gewesen waeren. Allerdings muss jetzt darueber diskutiert werden, wie sich die Bewegung vor Ort staerker verankern kann. Neoliberale Globalisierung ist nicht etwas, was nur weit draussen auf den Finanzmaerkten geschieht, sondern unseren Alltag in vielfaeltiger Weise praegt. Widerstand macht eine lokale Vernetzung nach dem Muster der Sozialforen in Italien erforderlich. Hier sehe ich noch gravierende Defizite, gerade in Deutschland.

F: Wittern Sie bei dem demnaechst in Florenz tagenden Sozialforum die Gefahr einer neuen Lobbypolitik?

Wenn der "Liberalismus der Erschoepften", wie Wolf-Dieter Narr seinen Politikansatz treffend charakterisiert hat, durch die Strassenproteste aufgebrochen wurde, dann heisst das noch nicht, dass er verschwunden ist. Aber die Offenheit fuer neue Denk- und Handlungsansaetze besteht nach wie vor auch in Florenz. Trotz aller Differenzen muss auch immer wieder die praktische Zusammenarbeit gesucht werden.

F: Koennte sich wie seinerzeit gegen den Vietnamkrieg auch gegen den drohenden Irak-Krieg eine neue internationalistische Bewegung herausbilden?

Wie erfolgreich der Protest gegen den Krieg sein wird, ist noch unklar. Erfreulich ist jedoch, dass sich auch in den USA eine Opposition zum Krieg bildet. Wichtig wird auch in Deutschland sein, dass sich die Opposition gegen den Krieg der binaeren Logik von "Wer nicht fuer den Krieg ist, ist fuer Saddam Hussein" verweigert. Dass man sich mit der irakischen Regierung nicht solidarisieren darf, muss man trotz aller berechtigten Proteste gegen den Krieg verlangen.

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