jungen Welt vom 14.08.2002 Lassen sich zivile Alternativen unterstuetzen?

Hilfe fuer israelisch-palaestinensische Initiative: Lassen sich zivile Alternativen unterstuetzen?
jW fragte Katja Maurer, Pressesprecherin von medico international
Interview: Peter Nowak

F: Unter dem Titel "Zeichen paradoxer Hoffnung" hat medico gemeinsam mit einer ganzen Reihe anderer Organisationen und Einzelpersonen eine Initiative gestartet, die Gruppen und Vereine in Nahost unterstuetzen will. Worum geht es konkret?

Wir wollen zeigen, dass in Israel und Palaestina Initiativen existieren, die seit Jahren zusammenarbeiten und ein Mindestmass an Zivilitaet verteidigen.

F: An welche Organisationen denken Sie dabei?

Zum Beispiel die in unserem Aufruf erwaehnte Kooperation der israelischen Aerzte fuer Menschenrechte mit der Union Palaestinensischer Medizinischer Nothilfekomitees, die seit mehr als zehn Jahren gemeinsam eine mobile Klinik auf der Westbank betreiben. Fuer die israelischen Aerztinnen und Aerzte haben alle Bewohner Israels und Palaestinas ohne Ansehen ihrer Herkunft und Religion Anspruch auf eine medizinische Grundversorgung. Die Union of Palestinian Medical Relief Committees ist in der medizinischen Versorgung der aktuellen Kriegsopfer engagiert.

F: Wie ist die bisherige Resonanz?
Sehr positiv. Wir haben bisher mehrere hundert Unterschriften und ueber 60000 Euro an Spenden gesammelt.

F: Behindert die aktuelle Zuspitzung des Konflikts nicht solche Initiativen?

Die Eskalation der Gewalt droht jeden zivilgesellschaftlichen Ansatz zu zerstoeren. So traf der Bombenanschlag in der Jerusalemer Universitaet einen der Orte, an dem sich noch Palaestinenser und Israelis getroffen haben. Die Abriegelung der palaestinensischen Gebiete durch die Israelische Armee verhindert, dass die zivilgesellschaftlichen Kraefte kommunizieren koennen. Um so wichtiger ist die Unterstuetzung dieser Initiativen. Es gibt auch Erfolge. So koennen unsere Partnerorganisationen mit ihren Ambulanzwagen seit kurzem die israelischen Kontrollposten wieder passieren.

F: Ist die Initiative auch als Kontrapunkt zu der hiesigen innerlinken Nahostdebatte gedacht?

Es gibt in Deutschland unstreitig Antisemitismus und den Versuch, die deutsche Geschichte mit dem Verweis auf die Situation im Nahen Osten zu relativieren. Dagegen muessen wir kaempfen. Doch diese innerdeutsche Debatte sollte nicht mit der Situation im Nahen Osten vermischt werden. Es ist richtig, gegen die Bedrohung Israels einzutreten. Das heisst allerdings keineswegs, die israelische Politik nicht kritisieren zu duerfen. Denn Israel ist auch von Innen bedroht. Ein anwachsender Fundamentalismus droht die Grundlagen der Gesellschaft zu zerstoeren. Bekenntniszwang und Identitaetssuche werden der dramatischen Situation, in der sich Israelis und Palaestinenser derzeit befinden, nicht gerecht.

* Mehr Informationen unter www.medico.de

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