TAZ vom 18.10.02 Linke Medienkritik

PETER NOWAK

Das Ziel, die Springer-Presse zu entlarven, ist aufgegeben. Die linke
Medienkritik wird lieber selbst zum Medium
BERLIN taz Man kennt das: eine Großdemonstration. Die Medien berichten. Was
beim Zuschauer oder Leser ankommt, sind zumeist die Ausschreitungen am
Rande. Sie liefern die Bilder, die spannende Geschichte. "Reclaim the Media"
lautet dementsprechend das Motto des internationalen "Media Democracy Day" -
"Erobert die Medien zurück"!

Schon seit Monaten rufen globalisierungskritische Gruppen aus dem Umfeld des
Netzwerks Peoples Global Action dazu im Internet auf. Es sind Aktionen in
Indonesien geplant, auf den Philippinen, in vielen europäischen Ländern und in
Kanada und den USA, der Wiege des Aktionstags.

Weil linker Protest von den etablierten Medien entweder ignoriert oder
völlig verzerrt und einseitig dargestellt wurde, arbeitete sich linke Medienkritik
in erster Linie an ebendiesen Mainstream-Medien ab. Früher. Mittlerweile ist
sie dazu übergegangen, diese weitgehend zu ignorieren oder selber zu
konsumieren. Nirgends zeigt sich das besser als an Bild. Gehörte es noch bis Ende
der 80er-Jahre zum linken Minimalkonsens, das Flaggschiff des Springer-Konzerns
aktiv zu boykottieren, wird Bild mittlerweile selbst in linken
Wohngemeinschaften nicht mehr als Provokation angesehen. Wer noch immer gegen die
Springer-Presse wettert, gilt als hoffnungslos altmodisch.

In Berlin wird immerhin im Rahmen des Medientags an die Zeit erinnert, als
es noch um die Entlarvung von Bild, Welt und ZDF ging. Denn zufällig wurde der
Media-Day auf den 18. Oktober gelegt. Heute vor 25 Jahren wurden die
RAF-Mitglieder Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Andreas Baader tot und Irmgard
Möller schwer verletzt in ihren Zellen im Hochsicherheitsgefängnis
Stuttgart-Stammheim aufgefunden. ( diese GenossInnen wurden nicht einfach so” tot aufgefunden “ sondern vom bürgerlichen Staat hingerichtet, aber das darf mensch warscheinlich in so einem gutbürgerlichen Blatt nicht mehr schreiben. mkm )                                       Dieser Termin war seitdem zumindest für Linke in der BRD
jahrelang ein Inbegriff für den Höhepunkt des "deutschen Herbstes", für
Pressezensur und freiwillige Gleichschaltung der Massenmedien.

Damals begann in der linken Szene eine Debatte über die Gründung einer
eigenen Zeitung - woraus die taz entstand. Und auch der Kritiker von heute gründet
sein eigenes Medium. So entstanden in den letzten zwei Jahren in über 60
Ländern Filialen des Netzwerkes Indymedia. Auch beim Media-Day stehen Workshops
und Veranstaltungen zu Gründung und Betrieb freier Radios, zur Arbeit im
Internet sowie zum Umgang mit Webcam und Videokamera im Mittelpunkt. Die
Auseinandersetzung mit den Massenmedien beschränkt sich auf ein allgemeines Lamento
über die Allmacht von AOL und anderen.

Sehr zum Unmut einiger linker KritikerInnen. Sie warnen davor, dem Mythos
der Informationsgesellschaft aufzusitzen, und befürchten eine Reduzierung der
Debatte auf die technischen Möglichkeiten, bei der die politische Dimension
weitgehend ausgeblendet wird.

Das war bei der Anti-Bild-Kampagne noch anders: Da hat die
Auseinandersetzung mit der Rolle des Springer-Konzerns ganzen Generationen von Linken auch
tiefe Einblicke in die Verfasstheit des Staates gegeben. Der moderne
Medienaktivismus gibt vor allem Einblick in die Computertechnik.

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