jungen Welt vom 27.03.2002Utopien für Nahost: Zusammenleben möglich?
jW sprach mit Ros Amir und Sagi Hanani von der israelisch-palästinensischen Solidaritätsgruppe Taayush
Interview: Peter Nowak

F: Was ist Taayush?

Hanani: Der Name unserer Gruppe ist Programm. Taayush heißt Zusammenleben. Es ist eine Organisation, in der Israelis und Palästinenser gemeinsam gegen den Israelischen Rassismus und für ein Ende der Besatzung kämpfen. Wir haben mit etwa 20 Menschen angefangen. Mittlerweile sind es zirka 1000 Menschen, die sich mit uns verbunden fühlen.

Amir: Wir haben uns im Oktober 2000 knapp einen Monat nach Beginn der zweiten Intifada gegründet, als 13 israelischer Palästinenser bei einer Demonstration erschossen wurden und es in der israelischen Gesellschaft kaum Reaktionen darauf gab. Wir haben aber weder ein Statut noch führen wir lange theoretische Debatten. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in ganz konkreten Aktionen gegen die Besatzung und den Rassismus in Israel.

F: Welcher Art sind Ihre Aktionen?

Amir: Wir wurden bekannt durch unsere Solidaritätskonvois, mit denen wir Hilfsgüter in die Westbank und in den Gazastreifen gebracht haben.

Hanani: Dabei geht es nicht in erster Linie um die Güter. Das Politikum ist die Tatsache, daß eine gemischte Gruppe aus Israel zu den Menschen kommt, die vom israelischen Militär isoliert und eingekesselt wird. Die Konvois bestehen meist aus 40 bis 60 Autos. Bisher haben wir zehn organisiert. Ein andere Schwerpunkt unserer Arbeit ist der innerisraelische Rassismus. In Israel gibt es 90 nicht registrierte Dörfer, für die wir uns einsetzen. In diesen Siedlungen leben die Menschen - überwiegend Palästinenser und Beduinen - ohne fließend Wasser und Stromversorgung.

F: Wie wird in Palästina und Israel auf Ihre Aktionen reagiert?

Hanani: Wir bereiten unsere Solidaritätskonvois immer gründlich vor. Dazu gehören Kontakte zu allen gesellschaftlichen Gruppen in den Orten, die wir besuchen. Es gab nur ganz selten eine ablehnende Reaktion. Größere Probleme hatten wir in Israel. Sogar im liberalen Tel Aviv wurden wir angegriffen, als wir Geld für unsere Konvois gesammelt haben. Während wir geschlagen wurden, wurden unsere Angreifer von Passanten und Besuchern der umliegenden Cafés angefeuert.

F: Wie ist Ihr Verhältnis zur israelischen Friedensbewegung?

Amir: Wir arbeiten mit allen Spektren der Friedensbewegung zusammen und unterstützen uns gegenseitig bei den Aktionen. Der Hauptunterschied liegt in der gemischten Zusammensetzung unserer Gruppe. Die Friedensbewegung ist in der Regel rein israelisch. Außerdem agiert die Friedensbewegung hauptsächlich gegen die Besatzung. Der innerisraelische Rassismus wird dort kaum angesprochen.

F: Inzwischen scheint die Lähmung der israelischen Opposition überwunden. Wird diese wieder zu einem Faktor der Innenpolitik?

Hanani: Wir hoffen es natürlich. Allerdings müssen wir auch vor zu großem Optimismus warnen. Die Polarisierung der israelischen Gesellschaft hat zugenommen. Linke, Friedens- und Menschenrechtsgruppen gehen tatsächlich wieder verstärkt auf die Straße. Doch wesentlich mehr kann zur Zeit die extreme Rechte mobilisieren. So waren auf Demonstrationen zur Beendigung der Besatzung etwa 10000 Menschen auf der Straße, während gleichzeitig rechte Siedler die zehnfache Menge auf die Beine brachten.

F: Gibt es jenseits der konkreten Aktionen eine Vorstellung, wie in Zukunft das Zusammenleben aussehen soll?

Hanani: Es gibt darüber keinen Konsens in der Gruppe. Aber meine persönliche Utopie ist ein nichtnationaler Staat für alle Menschen.

Amir: Ich denke, daß die Palästinenser ihren eigenen Staat haben sollten. Dann wäre es möglich auf gleichberechtigter Basis einen nichtnationalen Staat aufzubauen.

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [Chronologisch99] [Chronologisch 2000] [Chronologisch 2001] [Chronologisch 2002]