jungen Welt vom 31.12.2002Brauner Standortfaktor
In Rostock wird ueber die Biographie des Flugzeug-Pioniers Ernst Heinkel gestritten
Peter Nowak

Rostocks Wirtschaft moechte an alte Zeiten anknuepfen. Angesichts von Rezession und steigender Arbeitslosigkeit erinnert man sich dort gern an die Jahre, als die Hansestadt ein Zentrum der deutschen Luftfahrtindustrie war. Der Name des Flugzeugbauers Ernst Heinkel ist untrennbar damit verbunden. Er muesse fuer das "Standortmarketing fruchtbar gemacht werden", so die Erklaerung von Rostocker Wirtschaftskreisen. Eine vom "Foerderkreis Luft- und Raumfahrt" organisierte Heinkel-Ausstellung am Rostocker Werftdreieck sollte der Startschuss fuer eine Heinkel-Renaissance sein. Doch daraus wurde bisher nichts. Zwar hat es die Ausstellung geschafft, den Namen Heinkel zumindest in Rostock und Umgebung wieder bekannter zu machen. Allerdings anders, als es sich die Initiatoren erhofften. Denn die Ausstellung rief auch Kritiker auf den Plan. Die Exposition habe Heinkels Rolle in der NS-Zeit kaum gestreift, bemaengelten sie. Die Heinkel-Werke profitierten im grossen Stil von der Ausbeutung der Arbeitskraft von Zwangsarbeitern und KZ-Haeftlingen. "Er war ein Pionier bei der Beschaeftigung von KZ-Haeftlingen und beim Aufbau von Betrieben im besetzten Polen, die mit Juden aus den Ghettos arbeiteten. Bei keinem anderen Unternehmen im Reich kamen KZ-Haeftlinge frueher und in einem groesseren Ausmass zum Einsatz", schrieb der Bochumer Historiker Lutz Budrass in einer wissenschaftlichen Expertise.

Die Heinkel-Fans, die diese historischen Fakten nicht bestreiten koennen, waren ueber diese Diskussion aeusserst veraergert. Es sei die technische Leistung, die Heinkel heute interessant mache, erklaerte der Rostocker Universitaetsrektor Hans Juergen Wendel auf einer Podiumsdiskussion. Der Hauptgeschaeftsfuehrer der Rostocker Industrie- und Handelskammer Rolf Paarmann stellte auf der gleichen Veranstaltung die rhetorische Frage, ob es in Deutschland ueberhaupt Industriepioniere gab, die nicht mit dem Naziregime verstrickt waren. "Muss eine Ausstellung immer alle Facetten eines Themas allumfassend beleuchten?" fragte die Rostocker Stadtverordnete Sybille Baumann in einer Buergerschaftssitzung. Die langjaehrige PDS-Politikern der Hansestadt trat im Streit um die Ausstellung aus ihrer Fraktion und wenig spaeter auch aus der Partei aus. Anders als die Mehrheit aus SPD, Buendnisgruenen und PDS gehoerte Baumann zu den vehementen Verteidigern der Ausstellung als Standortfaktor. Baumann bildet mit einer weiteren PDS-Aussteigerin das Rostocker Buergerbuendnis, das von der regionalen Presse als auch von der Rostocker Wirtschaft mit grossem Lob bedacht wurde. Soviel Zustimmung kann die Rostocker Kultursenatorin Ida Schillen (PDS) in diesen Kreisen nicht erwarten. Schliesslich gehoert die ehemalige Linksgruene, die die Partei 1999 wegen der Zustimmung zum Jugoslawien-Krieg verliess, zu den vehementesten Ausstellungskritikern. Sie erntete auf einer Podiumsdiskussion Buhrufe, als sie verkuendete, dass eine von ihr zusammen gestellte Expertenkommission eine Heinkel-Ausstellung unter dem Motto "Technik und Verantwortung" konzipieren werde. Die soll im Jahr 2005 eroeffnet werden. Damit ist genau die Debatte eroeffnet, die die Heinkel-Freunde eigentlich verhindern wollten. Ihnen schwebte eine Loesung wie in Wolfsburg vor. Dort sind mehrere Strassen und Gebaeude nach Ferdinand Porsche benannt. Ueber seine Naziverstrickung wird mit einem kurzen Satz auf einer Gedenktafel informiert. Auch die Heinkel-Geschichte endet nicht in Rostock. Schliesslich machte der Flugzeugpionier in den 50er Jahren in Westdeutschland wieder Karriere und profitierte von der Wiederaufruestung.

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