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Frankfurter Rundschau vom 20.7.02 "Grenzen gibt es auch zwischen Einheimischen und Flüchtlingen" Teilnehmer eines antirassistischen Zeltlagers in Jena machen auf die Situation von Asylbewerbern aufmerksam
Von Peter Nowak (Jena)
Zwischen den Zelten flatterten Handtücher im Wind, junge Leute klimperten auf einer Gitarre: Im Zentrum der thüringischen Universitätsstadt Jena war vergangene Woche ein Zeltlager aufgebaut. Die rund 400 Bewohner waren allerdings nicht zum urlauben aus der ganzen Bundesrepublik angereist, sondern mit politischen Zielen im Gepäck: Bei der Zeltstadt handelte es sich um das fünfte "antirassistische Grenzcamp".
Der Namen entstand 1997, als die Initiative "Kein Mensch ist illegal" das erste "Grenzcamp" in einem kleinen Ort nahe der tschechischen Grenze initiierte. Ziel war, durch das Aufzeigen von Fluchtgründen das Verständnis für die Flüchtlinge zu fördern. Im Folgejahr bauten die Demonstranten ihre Zelt an der polnischen Grenze auf.
2001 verlegte die Gruppe ihr Camp erstmals ins Inland, nach Kelsterbach nahe Frankfurt am Main und dem dortigen Flughafen, der ja auch eine Grenze darstellt. Um in der Nähe von Jena eine Grenze zu finden, muss man allerdings bis in die Zeiten der Kleinstaaterei zurückgehen. Grenzcamp-Pressesprecher Philipp Stein weist aber darauf hin, dass es "nicht nur die Landesgrenzen, sondern beispielsweise die Grenzen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen gibt".
Grenzen für Asylbewerber setzte etwa die Residenzpflicht, die die Bewegungsfreiheit von Asylbewerbern auf einen Kreis oder eine Stadt beschränkt. Die Jenaer Flüchtlingsinitiative "The Voice" hatte Asylbewerber aus der Umgebung aufgerufen, das Grenzcamp zu besuchen, auch wenn dies außerhalb des Gebietes lag, in dem sie sich frei bewegen dürfen. Einige folgten der Aufforderung: Mehrmals wurden deshalb auch Menschen wegen Verdachts auf Verletzung der Residenzpflicht kurzzeitig festgenommen.
Stein erklärt mit der Bewegungseinschränkung auch die relativ geringe Präsenz von Betroffenen bei der Aktion in Jena. Doch die Grenzcamper drehten den Spieß einfach um und besuchten ein rund fünf Kilometer von Jena entferntes Flüchtlingsheim. "Weil es keine Busverbindungen gibt, sind die Heimbewohner auf das Wohlwollen des Sicherheitsdienstes angewiesen, wenn sie mal ihr Domizil im Wald verlassen wollen", so die Kritik der Grenzcamper.
Neben zahlreicher Aktionen spielte auch die theoretische Auseinandersetzung über den Umgang der Gesellschaft mit Asylbewerbern eine wichtige Rolle beim Grenzcamp. Kontrovers diskutiert wurde der vom Kulturnetzwerk Kanak Attack eingebrachte Vorschlag für eine Legalisierung aller in Deutschland lebenden Flüchtlinge. Zwar stehe im europäischen Maßstab derzeit eher Abschottung statt Integration auf dem Programm. Deshalb war für die meisten Grenzcamper der Polit-Urlaub noch nicht zu Ende, als sie am Freitag ihre Zelte nach einer Woche in Jena abbauten. In einem Konvoi reisen die Rassismusgegner nach Straßburg - um das erste europaweite Grenzcamp aufzubauen. |