jungen Welt vom 12.07.2002»Gartenzwerge auf Reisen«
Heute wird in Jena die Grenzcamp-Saison 2002 eingeläutet
Peter Nowak

Urlaubszeit ist gemeinhin mit einer politischen Flaute verbunden. Doch seit Jahren werden Urlaub und Politik verbunden. Erstmals 1997 haben Menschen um das antirassistische Netzwerk »Kein Mensch ist illegal« ein Grenzcamp an der deutsch-tschechischen Grenze organisiert. Auch in den folgenden beiden Jahren gab es Camps in der Nähe der tschechischen oder polnischen Grenze. Im letzten Jahr kam die Zäsur. Das Grenzcamp zog ins Landesinnere, wurde in die Nähe des Flughafens Frankfurt am Main verlegt. Der Name blieb.

Allerdings hatte diese Verlagerung nicht nur politische Gründe. Für viele Linke aus dem Westen war es offenbar wenig attraktiv, eine Woche im tiefen Osten zu verbringen. Die Zahl der Teilnehmer im Frankfurter Camp übertraf alle Erwartungen. Während bei den Camps im Osten die Abwehr von möglichen Neonaziüberfällen im Vordergrund stand und man sich über die Frage zerstritt, ob man der Bevölkerung eher kooperativ oder konfrontativ gegenübertreten soll, spielten nun andere Streitpunkte eine stärkere Rolle.

Deshalb gibt es 2002 erstmals vier Grenzcamps, wovon nur eins an einer Landesgrenze liegt. Vor allem akademische Antirassisten werden eine Woche lang »über die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse in einer Dominanzkultur« diskutieren und rufen zum Crossover-Camp in die Nähe von Cottbus. Während dort der Rassismus vornehmlich im eigenen Kopf gesucht wird, wollen die übrigen Camps gesellschaftspolitisch agieren.

Schon seit Monaten ruft ein europaweites Bündnis zum Grenzcamp nach Strasbourg. Einer der Schwerpunkte der Antirassisten wird der SIS-Bunker sein, die Koordinierungszentrale des Schengen-Informationssystems. Gespeichert werden dort in erster Linie Daten illegalisierter Flüchtlinge, die zur Fahndung ausgeschrieben sind. Auch die Polizeigewalt in den französischen Vorstädten, den sogenannten Banlieus, wird einen zentralen Stellenwert beim Strasbourger Camp haben. Am 19. Juli soll dann ein antirassistischer Konvoi aus Jena dort eintreffen. Die thüringische Stadt macht dieses Jahr den Auftakt der Grenzcamps. Die Initiative für das Camp ging von den Migrantenorganisationen »The Voice« und der »Brandenburger Flüchtlingsinitiative« aus. Andere Antirassisten organisieren vom 3. bis 11. August ein Camp bei Hamburg, wo sie sich mit der Politik des Innensenators Schill auseinandersetzen wollen. Schwerpunkt des einwöchigen Camps in Jena hingegen wird der Kampf gegen die Residenzpflicht sein, die die Bewegungsfreiheit von Flüchtlingen auf einen Landkreis beschränkt. Das antirassistische Kulturnetzwerk Kanak Attak will eine Legalisierungskampagne für alle in Deutschland lebenden Flüchtlinge zur Diskussion stellen.

Im Vorfeld hat die NPD gegen das antirassistische Camp in Jena mobil gemacht. Die NPD-Jugendorganisation hat gar ein Gegencamp angemeldet, das allerdings von den Behörden nicht genehmigt wurde. Einer der Camp-Vorbereiter erklärt gegenüber jW: »Es liegt nicht in unserem Interesse eine Woche über Jena herzufallen. Wir sind ausdrücklich an einer Diskussion mit der Jenaer Bevölkerung interessiert«. So ist eine Demonstrationen gegen einen Neonaziaufmarsch in Gera ebenso geplant wie Aktionen gegen neurechte Philosophieprofessoren an der Uni Jena Trotz politischer Aktivitäten sollen im Grenzcamp Spaß und Kultur nicht fehlen. Motto auf der Internetseite des Camps: »Gartenzwerge auf Reisen.«

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