gewerkschaftszeitung menschen machen medien 12-2002Eisenbahner als Drehbuchautor
Peter Nowak
"Der Navigator" von Ken Loach lief im Oktober in den Kinos an

Der neueste Film des britischen Regisseurs Ken Loach "The Navigators" spielt
nicht nur im Milieu der britischen Eisenbahner, einige der Schauspieler sind
ehemalige Eisenbahner. Doch noch wichtiger: Auch das Drehbuch stammt von
einem Eisenbahner.

Der aktive Gewerkschaftler Rob Dawber schrieb Ken Loach in einem Brief, was
er in seinem knapp 20jährigen Arbeitsleben bei der britischen Railway erlebt
hatte. Loach bat um das Drehbuch. Das entstand jedoch erst, nachdem Dawber
längere Zeit arbeitsunfähig war. Später erklärte der Autor, dass ihn, der bis
dahin lediglich Artikel für Gewerkschaftszeitungen geschrieben hatte, die
Sorge um die Sicherheit der Eisenbahner zum Ausflug ins Filmgenre motivierte:
"Die Leute glaubten, dass die Britische Eisenbahn die Zugführer, die
Kontrolleure, die Schaffner auf den Bahnsteigen sind. Aber es gibt 30.000 Eisenbahner,
die an den Gleisen arbeiten. Und niemand weiß, dass sie da sind."

Der Ende Oktober in den Kinos angelaufene Film geht mitten hinein in den
Alltag der britischen Eisenbahner. Derbe Späße und Flüche machen in der Kantine
die Runde. Man hält sich mit einer ganzen Portion Sarkasmus die widrige
Realität vom Leibe. Auch die erste Nachricht über die Privatisierung der
Britischen Eisenbahn wird zunächst nicht so Ernst genommen. Als der neue Meister die
Veränderungen bekannt gibt, wird er immer wieder von Spaßvögeln unterbrochen.

Das Management will die Arbeiter mit allen Mitteln loswerden. Die
Arbeitszeit wird erhöht, gewerkschaftliche Mitsprache ist nicht mehr erlaubt. Arbeiter,
die sich dagegen auflehnen, bekommen die Kündigung. Die Kollegen äußern
ihren Unmut, doch ein gemeinsamer Arbeitskampf kommt nicht zustande, so sehr sich
auch einige aktive Gewerkschaftler bemühen. Die meisten Arbeiter nehmen die
angebotene Abfindung und versuchen, ihre Arbeitskraft bei einer
Leiharbeitsfirma zu verkaufen. Dort spitzt sich die Situation bald dramatisch zu. Es kommt
zu einem tödlichen Unfall, nachdem die Leiharbeitsfirma sämtliche
Sicherheitsbestimmungen missachtet hatte. Doch der Tathergang wird manipuliert und alle
beteiligten Arbeiter beteiligen sich schließlich an der Vertuschung, um ihre
Arbeitsplätze nicht wieder zu verlieren. In diesem Augenblick sind die
Kollegen endgültig besiegt und gedemütigt. Mit hängenden Köpfen verlassen sie die
Unglücksstätte.

Anders als in früheren Ken Loach-Filmen gibt es keinen großen Helden. Einen
verdammt aktuellen Film hat Loach da gemacht. Schließlich ist die
Privatisierung der Eisenbahn nicht nur in Großbritannien gerade wieder ein aktuelles
innenpolitisches Thema. Rob Dawber, der proletarische Drehbuchautor, hat den
fertigen Film nicht mehr gesehen. Er starb im Alter von 45 Jahren an Krebs. In
zahlreichen Nachrufen in der britischen Gewerkschaftspresse wurde ein
Zusammenhang mit dem Asbest gezogen, mit dem er an seiner Arbeitsstelle in Kontakt
kam. Der Film ist gleichzeitig ein Vermächtnis für diesen aktiven
Gewerkschaftler und Aktivisten der Arbeiterbewegung. Hoffentlich findet er in diesen
postmodernen Zeiten, wo von Arbeitsverhältnissen niemand reden will, sein
Publikum.

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