|
Frankfurter Rundschau vom 5.6.02"Haus des Eigensinns" gibt enttäuscht auf
Von Peter Nowak
Es war keine erfreuliche Post, die René Talbot und Hagai Aviel an Bundestagspräsident Wolfgang Thierse richteten. "Leider ist die Zeit gekommen, dass nur noch das Scheitern unseres Vorhabens bekannt gemacht werden kann", lautete der zentrale Satz der Sprecher des Freundeskreises des Museums "Haus des Eigensinns". Dort haben sich Prominente aus Wissenschaft, Kunst und Politik, darunter Bischof Wolfgang Huber, der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter und Professor Walter Jens, dafür eingesetzt, dass in Berlin neben den von den Nazis ermordeten Juden, Sinti und Roma auch der mehr als 275 000 Euthanasie-Opfer gedacht wird.
Konkrete Pläne lagen schon lange auf den Tisch. In der Tiergartenstraße 4, wo von 1939 bis 1941 die Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten die systematische Registrierung und Tötung geistig Behinderter, die "Aktion T4", vorbereitete, sollte ein 1100 Quadratmeter großer, mit einem Mahnmal kombinierter Museumsneubau errichtet werden. Zwei Ausstellungsprojekte hatten die Initiatoren für das Museum vorgesehen. Eine vom Bund der "Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten" konzipierte Dokumentation der Verbrechen und der ideologischen Hintergründe der Euthanasie-Morde und die Kunstwerke der Prinzhorn-Sammlung. Die ist nach dem Heidelberger Psychiater Hans Prinzhorn benannt, der bis 1921 rund 5000 Gemälde und Skulpturen von Psychiatrie-Insassen gesammelt hatte. Mit der Präsentation wollte die Berliner Initiative die oft namenlosen Künstler, von denen nicht wenige Opfer der Euthanasiemorde wurden, ehren.
Enttäuscht zeigte sich Talbot über den Berliner Senat in den unterschiedlichsten politischen Farben, mit dem der Freundeskreis seit fünf Jahren in Verhandlungen stand. Zunächst bremste die CDU, später die SPD. So hatten sich anfängliche Hoffnungen, die Initiative werde beim SPD/PDS-Senat auf offenere Ohren stoßen, nicht erfüllt. Talbots Resümee klingt bitter: "Das Projekt war politisch nicht gewollt. Die Opfer des ärztlichen Massenmords sind auch heute nur eine Fleischmasse." |