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Telepolis24.03.2002 Die Betroffenen blieben im Abseits
Peter Nowak
Beim Streit um das Zuwanderungsgesetz ging es beiden Seiten um Machtinteressen
Bis zum Schluss blieb es am Freitag im Bundesrat spannend. So gab es während der mehrstündigen Debatte zumindestens für die Pressevertreter nur noch eine Frage. Wie würde Brandenburg bei dem [1]Zuwanderungsgesetz abstimmen? Als dann eintrat, was schon Tage vorher als Worstcase-Szenario in den Medien durchgespielt wurde, aber niemand so recht geglaubt hatte, war die Verwirrung noch größer. Noch nie in der Geschichte des Bundesrats hatten zwei Vertreter eines Bundeslandes unterschiedlich abgestimmt.
Als der als Bundesratspräsident fungierende Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit nach kurzer Bedenkzeit Brandenburgs gesplittete Stimmabgabe als Zustimmung wertete, war bei der Opposition die Empörung groß. Ein Tumult brach los, wie man ihn hierzulande bisher weder im Parlament noch im Bundesrat erlebt hatte. Nun wächst der Druck auf Bundespräsident Rau, dem Gesetz die Zustimmung zu verweigern. So oder so, wird wohl wieder einmal zur endgültigen Entscheidung der Gang zum Bundesverfassungsgericht nach Karlsruhe gewählt.
Unabhängig von den Entscheidungen ist nach diesen Freitag auch klar, dass im anstehenden Bundestagswahlkampf die Frage der Zuwanderung eine große Rolle spielen wird. Gerade das hatten besonnene Politiker aus allen politischen Lagern eigentlich vermeiden wollen. Schon wird in CDU-Kreisen eine Unterschriftenkampagne gegen das Gesetz ins Gespräch gebracht. Bei den letzten Landtagswahlen in Hessen hat eine ähnliche Kampagne Roland Koch den Ministerpräsidentensessel beschert.
Bei dem Schlagabtausch zwischen Regierung Opposition war die Stimme der Betroffenen kaum noch zu hören. Deswegen hatten Flüchtlings- und Migranteninitiativen wie der [2]Berliner Flüchtlingsrat, die [3]Internationale Liga für Menschenrechte und die [4]Initiative gegen Abschiebehaft parallel und in unmittelbarer Nähe zur Bundesratssitzung zu Protesten aufgerufen. Die Initiativen nennen den Gesetzentwurf ein Zuwanderungsverhinderungsgesetz, das in vielen Bereichen die Situation von Migranten gegenüber den aktuellen Zustand noch [5]verschärfen werde. Wie zur Bestätigung schrieb Bundesinnenminister Schily in einem Brief an die CDU-Vorsitzende Merkel, dass die Begrenzung der Zuwanderung im Gesetz ausdrücklich festgeschrieben werde.
"Der Preis, der für wenige Fortschritte im Flüchtlingsschutz gezahlt werden muss, ist für viele Flüchtlinge zu hoch", heißt es von den drei Organisationen unterzeichneten [6]Presseerklärung. Zu den wenigen Pluspunkten zählt aus Sicht der Flüchtlinge die Aufnahme nichtstaatlicher und geschlechtsspezifischer Verfolgungsgründe in den Gesetzentwurf, was eine längst völlige Anpassung der deutschen Gesetze an die EU-Norm darstellt. Doch ansonsten handele es sich um ein Gesetz zur Förderung der heimischen Wirtschaft. Die Einwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte werde geförderte, und gleichzeitig würden die Hürden für die Einreise von Flüchtlinge deutlich erhöht und der Erwerb der unbefristeten Aufenthaltsrechts erheblich erschwert.
Besonders erzürnt sind die Flüchtlingsinitiativen, dass die rot-grüne Bundesregierung mit dem Zuwanderungsgesetz viele ihrer eigenen Wahlversprechen über Bord werfen. So wird entgegen der Bestimmungen des Koalitionsvertrages die Abschiebehaft ebenso unverändert beibehalten, wie das von vielen Flüchtlingen kritisierte Asylbewerberleistungsgesetz. Auch die [7]Residenzpflicht, die die Bewegungsfreiheit der Flüchtlinge massiv einschränkt und nach Einschätzung von Juristen mit internationalen Gesetzen kollidiert, wird nicht abgeschafft.
[8]ProAsyl warnt davor, dass die Bundesratsentscheidung nicht zum Beginn eines "fremdenfeindlichen Wahlkampfs" führen dürfe und kritisiert das vorliegende Gesetz: "Auch weiterhin dominiert in zentralen Bereichen die Doktrin eines Ausländerrechtes als Gefahren- und Fremdenabwehrrecht. Von einer zukunftsträchtigen Reformidee von weitreichender gesellschaftlicher Bedeutung ist es zu einem halbherzigen Projekt hin degeneriert. Das politische Gezerre zeigt, dass Parteiinteressen und Wahltaktik Vorrang vor Sachfragen haben."
Links
[1] http://www.bundesregierung.de/Anlage18102/Entwurf_des_Zuwanderungsgesetz es_Stand_1._Maerz_2002.pdf [2] http://www.fluechtlingsrat-berlin.de [3] http://www.ilmr.org [4] http://www.berlinet.de/ari/ini/ [5] http://www.dbein.bndlg.de/action/ [6] http://www.fluechtlingsrat-berlin.de/pdf/presseerklaerung_200302.PDF [7] http://www.humanrights.de/caravan/residenzpflicht/landkreis.htm [8] http://www.proasyl.de/ |