jungen Welt vom 26.08.2002Sollbruchstelle Nahost
Links vortreten! Die subversiven Analysen der neuen Schweizer Zeitschrift Risse
Peter Nowak

In Deutschland haben die Auseinandersetzungen um den Antisemitismus unter den Linken in letzter Zeit zum Teil fanatische Zuege angenommen. Dass es eigentlich anders laufen muesste, mahnt die Schweizer Zeitschrift Risse mit ihrem Untertitel an: "Analyse und Subversion". Die Gruendungsgeschichte der Publikation, deren zweite Nummer jetzt erschienen ist, geht auf laengere Auseinandersetzungen um antisemitische Beitraege bei Indymedia Schweiz zurueck. Ausloeser waren Karikaturen, die gegen Nazis kaempfende Juden des Warschauer Ghettos mit Palaestinensern der Westbank gleichgesetzt hatten. Eine Gruppe, die sich damals unter dem Namen FEPA (Fuer einen emanzipatorischen Antikapitalismus) eindeutig gegen diese Art Solidaritaet mit Palaestina aussprach, war im Folgenden massgeblich am Erscheinen der Risse beteiligt.

In Deutschland wurde das Blatt mitunter vorschnell als Bahamas-Ableger abgetan - als Kopie des Zentralorgans der antideutschen Dogmatiker, die seit dem 11.September zur Verteidigung der Zivilisation den Bush-Krieg unterstuetzen. Im Grossen und Ganzen aber sind die Befuerchtungen grundlos. Nicht, dass sich nicht Spurenelemente der antideutschen Orthodoxie faenden. In einem Artikel etwa wird vom Antiamerikanismus als "saekularem Antisemitismus" geredet, als gaebe es keinen vernuenftigen Grund, die US-Politik abzulehnen. Folgerichtig faellt den Autoren zur "Konstitutionsgeschichte der amerikanischen Nation" dann auch nur die Einwanderungsgesellschaft ein, die immer schon den Hass aller Voelkischen auf sich zog - die indigenen Bewohner des Kontinents scheinen sie so gruendlich vergessen zu haben wie die versklavten Afrikaner. Und auch die Frage nach der Moeglichkeit einer nicht-antisemitischen Kritik an der Politik Israels laesst die Risse-Redaktion erst einmal unangebracht offen. Doch solche Fehlleistungen bestimmen nicht das Heft.

Einen zentralen Stellenwert hingegen nimmt die berechtigte Verurteilung antisemitischer Tendenzen ein. Dabei wird die Linke mit aller verdienten Respektlosigkeit kritisiert. So konnte ein Autor anlaesslich der Debatte um Martin Walsers "Tod eines Kritikers" zwischen der linken WoZ und der konservativen Weltwoche keinen Unterschied feststellten - bis in die Wortwahl glichen sich die Walser-Verteidigung und die Abstrafung seiner Kritiker. Weitere Beitraege befassen sich mit der Kritik an der Zivilgesellschaftsideologie, der ideologischen Abrechnung mit rechten Tierschuetzern, die in der Schweiz besonders umtriebig sind, den reaktionaeren Tendenzen in der Antiglobalisierungsbewegung und der Vertreibungspolitik in den modernen Staedten. Darueber hinaus nimmt die Auseinandersetzung mit dem Kulturbetrieb in den Rissen bisher einen hohen Stellenwert ein. Die Figur der Rebellen im Neuen Schweizer Film ist ebenso Thema wie der Aufbruch der kuenstlerischen Avantgarden im 20.Jahrhundert, das Dilemma der Neuen Musik oder Carl Orffs Loyalitaet zum Faschismus.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es lohnt sich. Das Layout der Zeitschrift ist ansprechend. Die 4,50 Euro fuer 40 Seiten markieren zwar die Grenze des Vertretbaren, aber gut: Der Preis fuer den, der sich das Debattieren ueber die Elemente des emanzipatorischen Antikapitalismus spart, ist hoeher.

* www.risse.info

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