jungen Welt vom 31.07.2002Tod eines braunen Patrons
Mit William Pierce verlor die US-Neonaziszene ihre wichtigste Integrationsfigur
Peter Nowak

Wenn von der US-Neonaziszene die Rede war, durfte der Name eines Mannes nicht fehlen: William Pierce. Bis zu seinem Tod in der vergangenen Woche widmete sich der 1933 in Atlanta geborene Physiker dem Aufbau des braunen Netzwerkes. Dafuer gab er 1965 sogar seine Karriere als Professor an der Oregon State University auf. Seit 1974 war Pierce unumstrittener Fuehrer der National Alliance (NA), die sich die Vertreibung aller Schwarzen und Juden aus den USA zum Ziel gesetzt hat. Der umtriebige rechte Multifunktionaer war auch in weiteren amerikanischen Neonaziorganisationen, darunter die National Socialist White People's Party (NSWPP), aktiv.

Obwohl die National Alliance nach Angaben antifaschistischer Organisationen in den USA nie mehr als 1000 Mitglieder hatte, ist ihr Einfluss betraechtlich. Dafuer sorgten nicht zuletzt zahlreiche von Pierce aufgebaute Buchverlage, in denen rassistische und antisemitische Schriften verlegt wurden. Ins Geschaeft mit rechter Musik ist Pierce ebenso eingestiegen. Selbst eine religioese Sekte, die "Cosmotheist Church" zaehlte zu seinen Imperium. Beobachter sahen darin vor allem eine Moeglichkeit, Steuern zu sparen. Denn aehnlich wie der Herausgeber der Nationalzeitung in der BRD, Gerhard Frey, war auch Pierce vor allem an der Vermarktung rechter Devotionalien interessiert. Das trug ihm in den letzten Jahren heftige Angriffe seiner Gesinnungsgenossen von der NSWPP ein, die ihm Geschaeftemacherei vorwarfen.

Einen Namen machte sich Pierce auch als Autor von Romanen, die er unter dem Pseudonym Andrew McDonald veroeffentlichte. In seinen "Turner Diaries" wird ein Buergerkriegsszenario beschrieben, von dem sich 1995 der Oklahoma-Attentaeter Timothy McVeigh bei seinem Bombenanschlag inspirieren liess. Sein Roman "Hunter" beschreibt einen Mann, der gemischtrassige Paare toetet.

Gute Kontakte hat die NA auch nach Europa, unter anderem zur NPD und zur British National Party (BNP). So schrieb Pierce fuer das NPD-Parteihandbuch "Alles Grosse steht im Sturm" das Vorwort. 1998 nahm er als Ehrengast an einer zentralen NPD-Veranstaltung in Passau teil. Mitglieder verschiedener deutscher Neonazigruppen fanden bei Pierce Unterschlupf. Schlagzeilen machte 1999 der als "Satansmoerder von Sondershausen" bekannte Neonazi Hendrik Moebus, der im April 1993 einen Mitschueler erdrosselt hatte. Nach einer mehrjaehrigen Haft kam er auf Bewaehrung frei. Da er durch seine Aktivitaeten in der rechten Szene gegen die Bewaehrungsauflagen verstiess, entzog er sich im Dezember 1999 einer erneuten Inhaftierung zunaechst durch Flucht in die USA. Im August 2000 wurde Moebus vor Pierces Anwesen festgenommen und spaeter nach Deutschland abgeschoben. Er wird weiter von einem Pierce-Anwalt juristisch vertreten.

Als moeglicher Nachfolger des am 23. Juli verstorbenen Pierce gilt nach Angaben des "Informationsdienstes gegen rechts"
(IDGR) der bisherige Fuehrer der NA-Niederlassung in Cleveland, Erich Gliebe. Der 33jaehrige ist Sohn eines Wehrmachtsveteranen und sorgte fuer die Vernetzung der NA mit der deutschen und osteuropaeischen Neonaziszene.

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