jungen Welt vom 28.06.2002Proteste im hohen Norden
Oslo: Trotz staatlicher Repression und internen Streits demonstrierten Tausende gegen Weltbanktreffen
Peter Nowak

Die norwegischen Medien überboten sich seit Wochen im Ausmalen von Horrorszenarien von Gewalt und Straßenschlachten in ihrer Hauptstadt. »Ein Hauch von Göteborg weht durch Oslo«, titelte eine Zeitung und erinnerte damit an die Massenproteste gegen den EU-Gipfel im letzten Frühjahr in der südschwedischen Stadt. Die Medien stimmten mit der Hetze auf staatliche Verbote und Repression gegen die Globalisierungsgegner ein, die in ganz Nordeuropa gegen das Treffen der Weltbank in Oslo mobilisierten, das hierzulande im Schatten des EU-Gipfels von Sevilla stand.

Nachdem die Weltbank ihr Europatreffen im vergangenen Jahr in Barcelona wegen angekündigter Proteste kurzfristig abgesagt hatte, wollte sie sich nun eine solche Pleite im kühlen Norden ersparen. Tatsächlich konnte man am Montag und Dienstag in der norwegischen Hauptstadt tagen. Doch auch in Oslo wurden die Weltbankiers mit Protesten konfrontiert. Es gab einen Gegenkongreß, ein Gegenfestival und eine große Reclaim-The-Street-Aktion. Doch der Höhepunkt im Widerstandskalender war eine Großdemonstration von bis zu 10000 Globalisierungskritikern am Montag.

Das Spektrum der im Bündnis »Oslo 2002« zusammengeschlossenen Gruppen reichte von ATTAC-Norwegen bis zu anarchistischen und autonomen Initiativen. Doch im Vorfeld des Treffens hatte sich das Bündnis über die zu wählenden Aktionsformen zerstritten. Dabei bestand unter allen Beteiligten schon lange Konsens, daß die Proteste gewaltfrei verlaufen sollten. Doch einige Gruppen, wie ATTAC, distanzierten sich sogar von der Reclaim-The-Street-Feier (RTS), die nach der Tradition dieser Aktionsform nicht vorher angemeldet wird. »Dadurch, daß RTS sich nicht um eine Genehmigung bemüht, fördert sie eine Konfrontation, die nichts mit der Weltbank zu tun hat und die Aufmerksamkeit weg vom wichtigen politischen Inhalt auf die Gegendemonstrationen verschiebt«, ließ die ATTAC-Spitze verlauten. Diese Distanzierung führte selbst bei der ATTAC-Basis zu Unmut und Austritten. Später bedauerte der Vorsitzende von ATTAC-Norwegen, Vegard Holet, die RTS-Aktion mit der Bezeichnung »sektiererisch« disqualifiziert zu haben.

Auch die Masken, die autonome Gruppen aus Solidarität mit den mexikanischen Zapatistas auf der Demonstration aufsetzen wollten, stießen nicht nur bei der Polizei, sondern auch bei einem Teil des Bündnisses Oslo 2002 auf Ablehnung. Das könnte schließlich schnell als verbotene Vermummung ausgelegt werden, hieß es.

Zusätzlichen Ärger machte die Osloer Stadtverwaltung, die die von »Oslo 2002« frühzeitig geschlossenen Verträge über die Nutzung von Schulgebäuden in der Stadt annullierte. Dadurch waren plötzlich zahlreiche auswärtige Demonstranten ohne Schlafplätze. Die norwegische Hauptstadt bot statt dessen teure Unterkünfte außerhalb an. Doch viele Demonstranten nutzten die Plätze in zwei kurzfristig besetzten Häusern in Oslo. Die Protestorganisatoren kritisierten in einem bei Indymedia Norwegen veröffentlichten Schreiben, daß die Behörden durch ihre Hetze im Vorfeld des Weltbanktreffens auch Auseinandersetzungen in die eigenen Kreise getragen hätten. Sie sehen allerdings als Erfolg an, daß trotz des Drucks und des internen Streits Tausende Menschen auf den Straßen waren.

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