jungen Welt vom 11.06.2002»Nicht mehr tragfähig«
Berlin: Breite Front gegen eine Straßenbenennung nach dem jüdischen Linken Walter Benjamin
Peter Nowak

Seit Wochen tobt ein Streit über Antisemitismus in der Politik. Von links bis rechts will man ihn in der Person von Jamal Karsli lokalisiert haben. Seltsam nur, daß der ganz gewöhnliche Antisemitismus deutscher Politiker kaum Schlagzeilen macht.

So verhindern Anwohner und konservative Politiker im Berliner Nobelstadtteil Wilmersdorf seit einem Jahrzehnt, daß in der Villengegend eine Straße nach dem jüdischen Philosophen Walter Benjamin benannt wird. Dabei hatte die damalige Mehrheit aus SPD und Grünen im Bezirksparlament eigentlich bereits 1992 beschlossen, daß der Seebergsteig in Walter-Benjamin-Straße umbenannt wird. Damit sollte nicht nur an einen jüdischen Antifaschisten erinnert werden, der jahrelang in dem Stadtteil lebte und auf der Flucht vor den Nazis umkam. Gleichzeitig hätte man einen Straßennamen getilgt, mit dem die Nazis den Theologen Reinhold Seeberg geehrt haben. Der stellte sich 1933 hinter das Naziregime. Er forderte schon vor dem 1.Weltkrieg ein Großdeutschland, das Belgien und weite Teile Osteuropas als Kolonien mit einschließen sollte. Die dort lebende Bevölkerung sollte nach Seebergs Plänen vertrieben werden. Seeberg war erklärter Antisemit. »Juden und deren arische Helfershelfer« waren für ihn »Feind jeder wirklichen Kultur«.

Doch der Umbenennungsbeschluß konnte nicht umgesetzt werden: Ein Großteil der Eigenheimbesitzer lief dagegen Sturm und wurde dabei von der Wilmersdorfer CDU unterstützt. In Bürgerversammlungen warnte man vor »zugereisten Bezirksverordneten, die den alteingesessenen Berlinern die alten Straßennamen stehlen wollen«. In typisch rechtem Duktus hetzte man gegen »pharisäerhaftes Reinheitsbewußtsein junger Leute, die sich als Volksaufklärer sehen«. Die Benjamin-Gegner hatten Erfolg. Zunächst stoppten Gerichte die Umbenennung. Nachdem die CDU die Mehrheit im Bezirksparlament errungen hatte, machte sie im Oktober 1996 die Entscheidung rückgängig. Die schon fertiggestellten Straßenschilder mit dem Schriftzug »Walter-Benjamin-Straße« verschwanden im Rathauskeller. Dort werden sie wohl noch länger bleiben. Denn obwohl SPD und Bündnisgrüne wieder die Mehrheit im Bezirk haben, sind auch sie mittlerweile der Meinung, den Villenbesitzern einen jüdischen Philosophen nicht vermitteln zu können. »Es ist nicht mehr tragfähig«, Benjamin als Namenspatron heranzuziehen, erklärte die Wilmersdorfer Fraktionsvorsitzende der Grünen, Claudia Rathjen, in der Presse. Sie begründete das mit der Richtlinie, mehr Frauen bei der Namensgebung zu berücksichtigen. Außerdem müsse der neue Straßenname im »breiten Konsens« gefunden werden.

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