Telepolis vom 10.6.02Waffenfans machen mobil

Peter Nowak


Email-Kampagnen und andere Überlegungen zur Abwehr eines verschärften
Waffenrechts

Nach dem Amoklauf eines Schülers in Erfurt konzentrierte sich die
Debatte auf das Für und Wider einer stärkeren Reglementierung von
Computerspielen. Weniger beachtet von der breiten Öffentlichkeit findet
auch ein Kampf um stärkere Restriktionen im Waffenrecht statt. Ende
vergangener Woche legte eine aus Vertretern von Bundestag und Bundesrat
zusammengesetzte Arbeitsgruppe einen [1]Gesetzesvorschlag vor.
Kernpunkte sind die Erhöhung des Mindestalters für den Waffenerwerb von
18 auf 21 Jahre. Für Jäger soll die Altersgrenze von 18 auf 21 Jahre
heraufgesetzt werden. Menschen unter 25 Jahre müssen nach diesen
Vorschlägen künftig ein ärztliches und psychologisches Gutachten über
ihre geistige Eignung vorlegen, bevor sie die Erlaubnis zum Erwerb
einer genehmigungspflichtigen Waffe erhalten. Sogenannte Pump-Guns
sollen ganz verboten werden, wenn die Vorschläge Gesetzeskraft erlangen
sollten.

Das allerdings will die deutsche Waffenlobby verhindern. Während im
[2]Forum Waffenrecht die klassische Lobbyarbeit mit leisen Tönen
überwiegt, führt etwa der [3]Deutsche Schützenbund eine
Unterschriftensammlung gegen das neue Waffengesetz durch und
artikuliert sich unter [4]www.waffen-online.de die Basis der
Waffenbesitzer. Dort wurde bisher hauptsächlich über neue Waffentypen
gefachsimpelt. "SIG 210 - Erbitte Euren Rat wegen Schließfeder und
Abschlußschuh" oder "Munition für Glock 17". Seit die Verschärfungen
des Waffenrechts Gestalt annehmen, mischen sich aber plötzlich ganz
andere Töne darunter.

So heißt es in einem am 30.Mai 2002 verfassten und an zahlreiche
Bundes- und Landespolitiker sowie sämtliche Mitglieder des
Innenausschuss adressierten [5]Schreiben unter dem Titel "Die Tragödie
von Erfurt und die Folgen für den Legalwaffenbesitz" ganz
selbstmitleidig: "Durch massive und falsche Medienberichte stehen nun
Millionen legaler Waffenbesitzer am Pranger." Der Autor kritisiert die
"unwürdigen öffentlichen Auftritten einiger dieser Demagogen" wie die
Politiker bezeichnet werden, die für ein verschärftes Waffenrecht
eintreten. Vorgeschlagen wird keine erneute Verschärfung des
Waffenrechts, sondern eine bessere Schulung des Schützen, da nicht die
Waffen, sondern die Menschen töten.

Interessant sind die Ergebnisse des Politbarometers bei Waffen-Online,
sofern man diese überhaupt ernst nehmen kann. Unter den Waffenfans ist
die FDP mit 73% einsamer Spitzenreiter der favorisieren Parteien,
gefolgt im weiten Abstand von der CDU mit 12%, die SPD bekommt 1%, die
Grünen würden ganz leer ausgehen. Dass die Schützen mit ihren
Wählerstimmen Gewicht haben, wissen sie schon. Wenn die Bearbeitung der
Politiker mit Emails nicht gelingt, könnte man ja nach dem Vorschlag
eines Forumsteilnehmers auch eine Partei gründen: "Wir sind immerhin
ein paar Millionen Schützen mit ein paar Millionen Frauen, welche zu
ihren Männern stehen sollten."

Interessanterweise entdecken Waffenfreunde jetzt manche Taktik der von
ihnen sonst eher verlachten Ökopaxe. So zirkulieren auf den
Internetseiten Hinweise auf Artikel wie den zur [6]Politischen Kultur
oder über [7]Zivilen Ungehorsam. Manche Waffennarren bevorzugen
allerdings ganz andere Methoden und rufen dazu auf, nach dem [8]Vorbild
der USA Gegner des unbeschränkten Waffenbesitzes öffentlich zu
brandmarken..

Links

[1]
http://www.visier.de/artikelbeitrag/artikelbeitrag_16380.html
[2] http://www.fwr.de/
[3] http://www.schuetzenbund.de/
[4] http://www.waffen-online.de
[5] http://www.wo-system.com/ubb/Forum32/HTML/000777.html
[6] http://www.kawehjournal.de/pk.html
[7]
http://sunsite.berkeley.edu/Literature/Thoreau/CivilDisobedience.html
[8] http://www.nraila.org/FactSheets.asp?FormMode=Detail&ID=15

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [Chronologisch99] [Chronologisch 2000] [Chronologisch 2001] [Chronologisch 2002]