TELEPOLIS25.01.2002Gespräch mit Abdell Malouh PFLP

Wie lassen uns nicht in einen Krieg mit der palästinensischen
Nationalbehörde treiben

Peter Nowak
Abdell Malouh, dem Stellvertretenden Vorsitzenden der PFLP
 

Die Volksfront für die Befreiung Palästinas ( [1]PFLP), gegründet von
George Habash 1967 nach der Besetzung der Westbank, ist nach der
Fatah-Bewegung von Präsident Arafat und der Hamas die drittstärkste
Organisation in Palästina. In Meinungsumfragen werden ihr ca. 11% der
Wählerstimmen zugesprochen. Die PFLP hat die Verträge von Oslo
abgelehnt ( [2]Keine Hoffnung auf Oslo). Die Organisation übernahm die
Verantwortung für die Ermordung des israelischen Tourismusministers
Rejavam Zeevi im August letzten Jahres. Mitte Januar wurde der
Generalsekretär der PFLP Ahmed Saadat von der palästinensischen
Autonomiebehörde festgenommen. Abdell Malouh ist sein Stellvertreter.

Nach zwei Wochen relativer Ruhe dreht sich der Kreislauf der Gewalt
im israelisch-palästinensischen Verhältnis weiter. Wo sieht die PFLP
die Ursachen?

Abdell Malouh: Wir sehen eine wesentliche Ursache für die jetzige
Situation in den Verträgen von Oslo. Unsere Organisation war von Anfang
an gegen diese Art von Abkommen, weil sie bei in Israel die Illusion
erzeugten, einen Friedensvertrag ohne eigene Zugeständnisse zu
bekommen.

Welche Alternativen hat die PFLP anzubieten?

Abdell Malouh: Israels muss sich auf die Grenzen von 1967
zurückziehen. Ein palästinensischer Stadt mit Jerusalem als Hauptstadt
muss gegründet werden. Die Siedlungen in den besetzten Gebieten müssen
geräumt werden und die palästinensischen Flüchtlinge ein Rückkehrrecht
bekommen. Auf diese vier Punkte hatte sich die gesamte palästinensische
Nationalbewegung schon vor Jahrzehnten verständigt. Das Osloer Abkommen
war so schädlich, weil diese Position preisgegeben wurde. Doch die
Entwicklung seit Oslo zeigt, dass ohne Klärung dieser vier Punkte kein
Frieden möglich ist.

Die PFLP arbeitet mit islamistischen Organisationen wie dem Dschihad
und der Hamas zusammen, also mit Organisationen, die im Fall einer
Machtübernahme die Linke vernichten würde. Haben Sie aus den
Erfahrungen der islamischen Revolution im Iran nichts gelernt?

Abdell Malouh: Wir haben in gesellschaftlichen und sozialen
Fragen erhebliche Widersprüche zu den islamistischen Organisationen.
Uns ist auch bewusst, dass die Linken bei einer Machtübernahme von
Hamas große Probleme haben würde. Darum müssen wir ein Kräfteverhältnis
herstellen, dass eine solche Machtübernahme verhindert. Es gibt
lediglich eine Zusammenarbeit zwischen den islamischen Gruppen und der
PFLP im Kampf gegen die israelische Okkupation. Da arbeiten wir
allerdings aber auch mit zahlreichen anderen Gruppierungen zusammen,
denn das ist heute bei uns die primäre Konfrontation.

Müsste aber nicht gerade eine Organisation, die sich als
marxistisch-leninistisch bezeichnet, den Klassenkampf gegen die
palästinensische Bourgeoisie führen?

Abdell Malouh: Es gibt selbstverständlich auch Konflikte
innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Doch bis jetzt ist es uns
immer gelungen, diese Konflikte einzudämmen. Denn für uns hat der Kampf
gegen die Okkupation momentan Priorität.

Vor einigen Wochen veröffentlichte der israelische Außenminister
Peres einen Friedensvorschlag, der zwar nicht die Zustimmung von
Ministerpräsident Scharon, wohl aber der USA bekam. Ist es nicht zu
früh, die Totenglocken für den Osloer Vertrag zu läuten?

Abdell Malouh: Der Peres-Vorschlag ist für unser Bevölkerung
keine Lösung. Denn es geht nicht wirklich um einen souveränen
palästinensischen Staat mit der Verfügungsgewalt über die eigenen
Ressourcen. Er ist nur Kosmetik, um die israelische Herrschaft zu
verlängern. Deshalb konnte sogar Scharon bei aller Kritik in den
Einzelheiten diesen Plan in den Grundzügen zustimmen.

Sind mit der Verhaftung des PFLP-Generalsekretärs Ahmed Saadat alle
Kontakte zu Arafat und der palästinensischen Autonomiebehörde gekappt?

Abdell Malouh: Unser Verhältnis zu Arafat ist widersprüchlich.
Einerseits hat er noch sehr viel Rückhalt in der palästinensischen
Bevölkerung. Würden jetzt Wahlen abgehalten, wäre Arafat mit weitem
Abstand der Sieger. Andererseits wissen wir, dass nicht wenige in der
palästinensischen Bourgeoisie einen Ausgleich mit Israel suchen und
dafür große Zugeständnisse machen würden. Doch bestimmte Faktoren, vor
allem die Kampfbereitschaft und Politisierung unserer Bevölkerung,
verhinderte bisher, dass die palästinensische Autonomiebehörde
vollständig zum Vollzugsorgan Israels wurde. So war es Arafat einfach
nicht möglich, bei Verhandlungen auf das Rückkehrrecht der Flüchtlinge
zu verzichten. Wenn Arafat unter dem Druck von Israel und der USA gegen
uns vorgeht, wird er das Vertrauen in der Bevölkerung verlieren. Die
palästinensische Autonomiebehörde als Befehlsempfänger Tel Avivs würde
nicht akzeptiert. Wir werden allerdings alles verhindern, was uns in
einen innerpalästinensischen Bürgerkrieg treibt. Denn dabei würden wir
alle nur verlieren.

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