telepolis vom 3.12.02Immer im Bilde

Peter Nowak

Die Dauerpräsenz von Videokameras stößt zunehmend auf Widerstand

Die Leitung der Berliner [1]Humboldt-Universität will 12 Videokameras
wieder [2]abbauen, die in den letzten Tagen auf dem Campus für Unruhe
sorgten, nachdem der Jurastudent [3]Carlos Katins die Kameras
[4]zufällig entdeckt.

Die Universitätsleitung behauptete, die Kameras dienten nur zur
Regulierung der Mikrofone in den Hörsälen und nicht zur Kontrolle der
Kommilitonen. Doch viele Studierende erinnerten sich an Begebenheiten,
die einen anderen Eindruck vermittelten. So wurde ein Dozent, der mit
einem Becher Kaffee in der Hand seine Vorlesung beginnen wollte, aus
dem Off daran erinnert, dass der Verzehr von Speisen und Getränken in
den Hörsälen untersagt ist.

Der bildungspolitische Sprecher der PDS-Fraktion im Berliner
Abgeordnetenhaus [5]Benjamin Hoff sah durch die Kameras das Recht auf
informelle Selbstbestimmung verletzt. Auch der Berliner Rechtsanwalt
Nils Leopold, der zum Thema Videoüberwachung promoviert, äußerte
Zweifel an der Rechtmäßigkeit der bisherigen Praxis. "Der Eingriff in
die Persönlichkeitsrechte von Lernenden und Lehrenden muss mit dem
Interesse der Uni abgewogen werden." HU-Vizepräsident Frank Eveslage
begründete den geplanten Abbau, der nun noch unter
Finanzierungsvorbehalt steht, mit der Abwehr eines Imageschadens für
die Universität.

Schließlich sorgte in der letzten Zeit die zunehmende Zahl von
Videokameras auch außerhalb des Campus für Unmut. So reichte kürzlich
ein Berliner Journalist Klage gegen das Berliner Kulturkaufhaus
Dussmann ein, weil er sich durch die ständige Videoüberwachung des
Eingangsbereichs in seinen Persönlichkeitsrechen verletzt sieht (
[6]Terroristenjagd per Kamera).

Mehr auf Eigeninitiative setzt der Berliner Politologiestudent Bartosz
Penzek. Er sucht in der City gezielt nach Videokameras, die er dann
fotografiert und auf seiner [7]Website der Öffentlichkeit zugänglich
macht. Mittlerweile hat er dort weit über 200 Objekte kartografiert.
Vor einer juristischen Grauzone durch die zunehmende
"Big-Brotherisierung der Innenstädte" warnt auch der bundesweite
[8]Arbeitskreis gegen Videoüberwachung.

Mehr auf der Ebene der Politikberatung bewegt sich das mit EU-Geldern
finanzierte Großprojekts [9]Urban Eye, mit dem sich das Zentrum für
Technik und Gesellschaft ( [10]ZTG an der Technischen Universität
Berlin seit einem Jahr beschäftigt. In sieben Großstädten werden im
Rahmen des Projektes die Folgen der Videoüberwachung untersucht.

Links

[1] http://www.hu-berlin.de
[2] http://www.taz.de/pt/2002/11/29/a0158.nf/text
[3] http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-campus/6122.html
[4] http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,222541,00.html
[5] http://benjaminhoff.de
[6] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/13659/1.html
[7] http://www.cctv-berlin.org
[8]
http://waste.informatik.hu-berlin.de/peter/cctv/cctv_und_buergerrechte.h
tml
[9]
http://www.urbaneye.net
[10] http://www.ztg.tu-berlin.de/reg001001.shtml

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [Chronologisch99] [Chronologisch 2000] [Chronologisch 2001] [Chronologisch 2002]