jungen Welt vom 18.03.2002Neue Impulse für die linke Solidarität?

Proteste gegen die Besetzung Palästinas: Neue Impulse für die linke Solidarität?
Am Sonnabend demonstrierten in Berlin mehr als 3000 Menschen unter dem Motto »Schluß mit der Besatzung! Solidarität mit dem palästinensischen Volk«. Zu dieser Aktion rief ein breites Bündnis von Gruppen auf. junge Welt sprach mit Mahmud Hamdan. Er ist Mitglied der Vereinigten Palästinensischen Gemeinde Berlin, die zu den Initiatoren gehörte
Interview: Peter Nowak

F: Seit Monaten sind die Auseinandersetzung im Nahen Osten täglich in den Medien. Warum dauerte es solange, bis es Solidaritätsaktionen in Berlin gab?

Die gab es. Wir haben beispielsweise Veranstaltungen mit der jüdischen Menschenrechtsaktivistin Felicitas Langer organisiert. Es gab auch Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern, überwiegend in Berlin lebende arabische Menschen. Was aber fehlte, war eine Solidarisierung der fortschrittlichen Linken in Deutschland. Dann kam der 11.September mit dem Generalverdacht gegen alle arabischen Menschen. Danach waren die palästinensischen Menschen durch Rasterfahndung und Polizeiüberwachung sowie Medienhetze derart eingeschüchtert, daß sie sich zunächst meist völlig aus der Öffentlichkeit zurückzogen.

F: Begreifen Sie die Aktion als Neuanfang in der Solidaritätsbewegung?

Sicherlich. Es gab in den letzten Wochen Massendemonstrationen gegen die israelische Besatzung in Tel Aviv, Brüssel und Rom. Auch in Deutschland ist ein Stimmungsumschwung zu verzeichnen. Der Grund dafür ist in dem Versuch der israelischen Regierung zu suchen, im Windschatten des Antiterrorfeldzuges mit Palästina abzurechnen. Durch die Ereignisse der letzten Wochen und der steigenden Zahl der Toten wurde immer mehr Menschen klar, daß Scharons Politik keinen Frieden und auch keine Sicherheit für die Menschen in Israel bringt.

F: Irritieren Sie die Antisemitismusvorwürfe, die von antideutschen Linken gegen die Organisatoren der Demonstration erhoben wurden?

Das ist ein Ausdruck der Krise der deutschen Linken. Zwar sind die Antideutschen organisatorisch nicht so stark. Aber ihre Propaganda, daß die Palästinenser eben den Preis für den von Deutschen verursachten Holocaust zahlen müßten, wird von einem größeren Teil der deutschen Linken geteilt. Ein großer Teil der jüdischen Menschen in Israel aber auch in Deutschland sind nicht mit der Politik der israelischen Regierung einverstanden. So haben sich in Berlin lebende jüdische Menschen, die im Arbeitskreis Nahost organisiert sind, an der Organisierung der Kundgebung beteiligt, und der jüdische Shoah-Überlebende Fritz Teppich hat in seinem Redebeitrag auf der Demonstration daran erinnert, daß wir auch mit der israelischen Friedensbewegung solidarisch sind.

F: Sind weitere Solidaritätsaktionen geplant?

Die Demonstration am Sonnabend soll der Beginn einer Solidaritätskampagne mit Palästina sein. Die nächsten Termine stehen schon fest. So ist für den 13. April ein bundesweiter Aktionstag mit der palästinensischen Bevölkerung geplant. Schwerpunkt soll eine bundesweite Solidaritätsdemonstration in Berlin sein. Es gibt schon viel positive Resonanz aus verschiedenen Städten. Darüber hinaus gibt es Überlegungen, die Solidarität mit Palästina und den Kampf gegen den drohenden US-Angriff auf den Irak zu verbinden. Schließlich wird von vielen Menschen erkannt, daß die Frage Palästina/Israel und der Kampf gegen einen neuen US-Krieg nicht zu trennen sind.

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