TAZ vom 19.12.02 Kein Aus für IG Farben
Das Nachfolgeunternehmen des Nazikonzerns verzögert Auflösung weiteres Mal.
Tumulte auf Hauptversammlung
BERLIN taz Die endgültige Auflösung der "IG Farben AG in Abwicklung" wird
sich bis 2004 verzögern - mindestens. Das kündigten gestern die Liquidatoren
Otto Bernhardt und Volker Pollehn auf der Hauptversammlung in Frankfurt an.
Grund: Immobilien seien noch nicht verkauft. Sie machen den größten Teil des
Vermögens des Nachfolgers des Todesgasproduzenten der Nazis aus. Dabei hatten
die beiden Vorständler bereits im vergangenen Jahr angekündigt, 2003 einen
Schlussstrich unter das Unternehmen zu ziehen.

Genau das forderten gestern die 120 DemonstrantInnen ein - unter ihnen
ehemalige ZwangsarbeiterInnen. Sie beteiligten sich an einer Kundgebung, zu der
unter anderem das Auschwitzkomitee und die Bundestagung der Chemiefachschaften
aufgerufen hatten. Als zu Beginn der Hauptversammlung 30 kritische
AktionärInnen die sofortige Auflösung forderten, wurden sie von Ordnern aus dem Saal
gezerrt. Die Organisation Coordination gegen Bayer-Gefahren e.V. erhebt jetzt
schwere Vorwürfe gegen den Versammlungsleiter. Er habe die Kritiker als
"geistige Väter von Gewalt" und "Psychopathen" beschimpft. Mehrere AktionärInnen
forderten dann unter Protesten der Mehrheit die Nichtentlastung des Vorstandes
wegen jahrelanger Verschleppung der Auflösung.

Seit 20 Jahren kämpfen etwa das Auschwitzkomitee und die VVN/BdA (Vereinigte
der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschisten) für die Auflösung
der IG Farben und die Entschädigung der Opfer aus dem Konzernvermögen. Die IG
Farben kooperierte im Dritten Reich mit dem NS-Regime und unterhielt in
Auschwitz ein werkseigenes Konzentrationslager für ZwangsarbeiterInnen.

In "Abwicklung" befindet sich die IG Farben seit fast 50 Jahren, nachdem die
Alliierten ihre Zerschlagung beschlossen hatten. Die Auflösung aber hatte
die Hauptversammlung vor zwei Jahren beschlossen. Bisher habe sich nichts
getan, kritisierte gestern Axel Köhler-Schnura, der als kritischer Aktionär
natürlich vergeblich für den Aufsichtsrat kandidierte. Nicht einmal der Stiftung
zur Entschädigung der ZwangsarbeiterInnen sind die IG Farben bis heute
beigetreten. "Jeder einzelne Tag der Weiterexistenz dieser Gesellschaft ist eine
Schande für jeden demokratisch gesinnten Bürger dieses Landes", erklärte
Köhler-Schnura. " PETER NOWAK

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