jungen Welt vom 13.08.2002 Kein Ende des Todesfastens in Sicht?

Politische Gefangene in der Tuerkei: Kein Ende des Todesfastens in Sicht?
Ahmet Kulaksiz lebt in Istanbul und arbeitet in der Angehoerigenorganisation fuer politische Gefangene Tayad mit. Seine beiden Toechter Canan und Zehra starben letztes Jahr im Hungerstreik, dem sie sich aus Solidaritaet angeschlossen hatten
Interview: Peter Nowak

F: Ende Mai hiess es, das Todesfasten der politischen Gefangenen in der Tuerkei waere beendet. War das eine voreilige Meldung?

Ja, denn nach wie vor setzen ueber 30 Gefangene das Todesfasten in verschiedenen tuerkischen Gefaengnissen fort. Richtig ist, dass am 28. Mai acht am Todesfasten beteiligte Organisationen den Kampf beendeten. In einer Erklaerung kuendigten sie an, den Kampf gegen die Isolationshaft auf anderer Ebene fortzusetzen. Die Gefangenen der DHKP/C (Volksbefreiungspartei/Front) haben hingegen erklaert, dass das Todesfasten erst beendet wird, wenn die Isolationshaft abgeschafft ist. Die meisten der toten Gefangenen kommen aus ihren Reihen.

F: Gibt es noch Aussicht auf Erfolg, nachdem ein Grossteil der Gefangenen aufgehoert hat?

Die Frage, ob der Kampf Erfolg haben kann, haengt vor allem von der Entschlossenheit der Maenner und Frauen ab, die ihn fuehren. Ich habe volles Vertrauen in die am Kampf beteiligten Genossinnen und Genossen. Sie haben von Anfang an gewusst, dass es ein langer und opferreicher Kampf sein wird.

F: Eine grosse Zahl der am Todesfasten beteiligten Gefangenen hat irreparable gesundheitliche Schaeden davongetragen. Wer kuemmert sich um sie?

Vom Staat kann keine Hilfe erwartet werden. Deshalb wurde von Angehoerigenorganisationen eine medizinische Klinik fuer die Schwerkranken aufgebaut. Doch die Regierung hat aus politischen Gruenden eine Eroeffnung der Klinik verhindert. Immerhin konnten wir erreichen, dass die gesundheitlich Geschaedigten, soweit sie das Gefaengnis verlassen konnten, in einer grossen Wohnung in Istanbul zusammenleben. Das ist ein wichtiger Schritt.

F: Sie waren als Angehoeriger ebenfalls von staatlicher Repression betroffen.

Ich wurde vor dem Staatssicherheitsgericht angeklagt, weil ich ein Buch mit dem Titel "Canan und Zehra" veroeffentlicht hatte. Darin habe ich den politischen Kampf meiner Toechter geschildert. Ueber das Todesfasten wird aus der Perspektive eines Vaters berichtet, der seinen Kindern in ihrem Kampf beisteht. Doch letztlich haben sie doch nicht gewagt, einen Vater zu bestrafen, weil er ueber seine Toechter schreibt. Ich wurde freigesprochen. Allerdings geht die Repression gegen andere politische Freunde und Angehoerige weiter. Am 28. August stehen mehrere Bewohner des Istanbuler Stadtteils Armutlu vor Gericht, weil sie sich im November letzten Jahres gegen einen Polizeiueberfall gewehrt hatten. Damals wurden die Widerstandshaeuser gestuermt, in denen sich Angehoerige in einem Solidaritaets-Hungerstreik befanden. Auch meine Toechter lebten in einem solchen Widerstandshaus.

F: Wie koennen die Gefangenen von Europa aus unterstuetzt werden?

Zum Beispiel durch die Teilnahme an Solidaritaetsdelegationen. So organisiert das Komitee gegen Isolationshaft (IKM) eine Delegation um den 28. August herum.

* IKM: 040/28053625, noisolation@gmx.de
 

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