jungen Welt vom 11.01.2002Wieviel Kritik ist beim DFB erlaubt?
jW sprach mit Gerd Dembowski
Interview: Peter Nowak

* Der DFB-Sportförderverein hat die angekündigte Unterstützung der antirassistischen Ausstellung »Tatort Stadion. Rassismus und Diskriminierung im Fußball« zurückgezogen. Gerd Dembowski gehört zu den Machern der Ausstellung, die ab Donnerstag im Hamburger DGB-Haus im Besenbinderhof gezeigt wird.

F: Was störte den DFB-Sportförderverein an Ihrer Ausstellung?

Unsere Ausstellung beinhaltete im vergangenen November in Berlin eine Schautafel, die Aussagen von DFB-Präsident Mayer-Vorfelder enthielt. So sagte er: »Die Chaoten in Berlin, in der Hafenstraße in Hamburg und in Wackersdorf springen schlimmer herum als die SA damals.« Zwar haben wir auch symbolische Aktionen des DFB gegen Rassismus herausgestellt, aber die Gesamtpräsentation hat dem DFB-Sportförderverein mißfallen. Wir haben vorgeschlagen, der DFB möge eine eigene Tafel erstellen, die wir hinzufügen. Auch dies wurde aber abgelehnt. Daraufhin haben wir für den nächsten Ort Hamburg die Wände mit neuem Material vom DFB überarbeitet. Der forderte aber nach wie vor, daß die Wand abgehängt werden sollte.

F: Geht es neben aktuellen Beispielen auch um die Rolle der deutschen Fußballverbände im Hitlerfaschismus?

Die Meyer-Vorfelder-Zitate beziehen sich sowohl auf seine Zeit als CDU-Politiker, beinhalten aber auch aktuelle Aussprüche. Zu Beginn 2001 benutzte er das von Neonazis stark gemachte »Ich bin stolz ein Deutscher zu sein« im Stern und die überarbeitete Wand enthält ab 10.1.2002 in Hamburg nun auch ein Zitat aus der Berliner Fußball-Woche im Oktober 2001: »Wenn beim Spiel Bayern gegen Cottbus nur zwei Germanen in den Anfangsformationen stehen, kann irgend etwas nicht stimmen.« Darüber hinaus haben wir in einem historischen Exkurs z. B. den vorauseilenden Gehorsam des DFB bei der Gleichschaltung 1933 erwähnt, ebenso wie die Hofierung von Hitlers Lieblingssoldaten und Wehrmachtsoberst Rudel zur WM 1978 in Argentinien.

F: War dem DFB-Sportförderverein die inkriminierte Tafel bei der Unterstützungszusage bekannt?

Nein, die Tafeln waren dem DFB-Sportförderverein nicht bekannt, weil sie ganz einfach noch nicht produziert waren. Dem DFB lag ein Konzept vor, aus dem hervorging, daß wir Rassismus nicht nur in den Fankurven ausmachen, sondern auch rassistische Aussagen von Spielern aufzeigen.

F: Ist es überhaupt sinnvoll, den rechtslastigen DFB als Unterstützer einer antirassistischen Ausstellung gewinnen zu wollen, wo er sich auch ein Alibi verschaffen kann?

In meiner neuen Analyse meine ich festzustellen, daß der DFB mit seinem Vizepräsidenten Alfred Sengle und dem beratenden Sportwissenschaftler Gunter A. Pilz mittlerweile über seine symbolischen Aktionen hinaus Ansätze zu kontinuierlichen »Maßnahmen« zeigt. Zu kritisieren ist, daß er oftmals das Kind nicht beim Namen nennt und Fachtagungen mit schwammigen Attributen wie »Toleranz« oder »Fairplay« entpolitisiert. Das der DFB-Sportförderverein die Ausstellung erst mal unterstützen wollte, zeigt ja guten Willen. Ich denke nicht, daß eine so kleine Ausstellung wie unsere dem größten Fußballverband der Welt ein Alibi verschaffen kann.

F: Ist die Ausstellung nach der Weigerung des DFB zur Finanzierung überhaupt noch möglich?

Die fehlenden gut 5100 Euro werden nun notgedrungen aus einem übergeordneten Topf unseres europaweiten Netzwerks Football Against Racism in Europe (FARE) fließen. In Hamburg hat der HSV seine Teilnahme an der Eröffnung abgesagt.

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