jungen Welt vom 27.04.2002Diktatur des Ambiente
Die Spree am Ostbahnhof: Hier baut sich das neue Berlin einen weiteren Brückenkopf
Peter Nowak

Ein freundlicher Mann hackt vor seinem Wohnwagen Holz. Eine alter Hund döst in der Sonne. Ein Kind mit ins Haar geflochtenen Blumen bietet Besuchern Plätzchen an. Eine Idylle, wie sie heute niemand mehr im Zentrum Berlins vermuten würde. Noch ist sie Realität im Kultur- und Wohnprojekt »Schwarzer Kanal« am Spreeufer gegenüber dem Ostbahnhof. Bald aber könnte Schluß sein mit dem alternativen Leben am Fluß. Bis zum Herbst soll die Wagenburg den Platz verlassen. »Ein Ausweichquartier haben wir noch nicht«, meint ein Bewohner. Die Rollheimer wollen zusammenbleiben und hoffen auf einen neuen Platz, möglichst in der Nähe von Kreuzberg, wo sich der »Schwarze Kanal« durch Kunstdarbietungen einen Namen gemacht hat.

Groß ist die Hoffnung nicht. Schließlich wissen die Bewohner, wie es ihren ehemaligen Nachbarn ergangen ist. Direkt gegenüber, wo jetzt die Hochglanz-Fassade des Ibis-Hotels zu sehen ist, lebten jahrelang Rollheimer. Nach ihrer Vertreibung begann für viele eine Odyssee durch Berlin. Mehrere Jahre zuvor erlebten die Rollheimer der East-Side-Gallery das gleiche Schicksal. Sie sollten an den Ortsrand nach Karow verfrachtet werden, wo ihnen von wütenden Anwohnern der Zutritt verwehrt wurde.

Jahrelang lag das geräumte Gelände brach. Jetzt soll dort das Internationale Solarzentrum entstehen, das sich zeitgeistig »Zentrum Zukunftsenergien Berlin« nennen wird. Der Spitzname des Zentrumleiters dürfte auch manchen Kreuzberger Alt-Autonomen noch ein Begriff sein. »Container-Jo« hieß Jo Leinen in den 80ern, als er noch als Vorsitzender von Umweltschutzverbänden die Proteste von Atomkraftgegnern gegen das AKW Brockdorf dirigierte. Nach einem kurzen Gastspiel als saarländischer Umweltminister war es still um ihn geworden. Bald wird Leinen als hochdotierter Umweltmanager sein solarbeheiztes Büro hoch über der Spree beziehen. Unter seinen zukünftigen Nachbarn dürfte er einige alte Bekannte aus der »Bewegungszeit« wiedertreffen. Denn auf dem Areal der Wagenburg »Schwarzer Kanal« soll die neue Bundeszentrale der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di entstehen - mit Bootsanleger.

Ihr Umzug vom Potsdamer Platz ans Spreeufer könnte Schule machen. Schließlich bahnt sich am Flußufer zwischen Jannowitzbrücke und Treptower Park eine der größten Umstrukturierungen in Berlin an, die rein flächenmäßig die Baumaßnahmen am Potsdamer Platz in den Schatten stellt. Auf einer Fläche von 120 Hektar soll laut Eigenwerbung »ein Media- und New-Economy-orientiertes Kompetenzzentrum« entstehen - mit noblen Läden, Büros, Luxuswohnungen und Entertainment.

Die Zeit der Zwischennutzung ist vorbei. Die Kultureinrichtung Tempodrom und der Club »Maria am Ostbahnhof« brachen Ende 2001 ihre Zelte gegenüber dem Ostbahnhof ab. In wenigen Jahren soll dort das »Urban Center Postbahnhof« mit zahlreichen Büros und Shops für mondänes Leben sorgen. Selbst zwei Wolkenkratzer sollen auf diesen Areal in den Himmel wachsen. Daran soll sich ein großes Vergnügungszentrum mit einer Mehrzweckhalle für 16000 Besucher sowie einem Multiplex-Kino und mehreren Hochhäusern anschließen. Doch noch sind diese Pläne nicht spruchreif. Am Geld liegt das nicht. Schließlich ist die Anschutz Sports and Entertainment Group (AEG) mit Sitz in Denver/Colorado ein solventer Investor. Allerdings gibt es noch Unstimmigkeiten, weil die Planer einer weiteren Arena in Berlin-Spandau unerwünschte Konkurrenz fürchten.

Bisher ist die Gegend noch weitgehend Brachland. Nur einzelne Bauten, wie das Bürogebäude des Musikriesen Universal Music, künden schon von der neuen Zeit, die demnächst in dieser Gegend Berlins anbrechen könnte. »Zu Hause« - verkündet seit einigen Wochen ein großes Werbeplakat für Musikerzeugnisse, das am Universal-Haus angebracht ist. Doch wohnlich wird es in der neuen Spreecity sicher nicht werden, zumindest nicht für Menschen mit wenig Geld. Man muß schon etwas tiefer in die Tasche greifen können, um die laut Eigenwerbung »faszinierenden Freizeit- und Erlebniseinrichtungen im Ambiente historischer und moderner Architektur« genießen zu können.

Ob das Ganze dann wie geplant boomt, ist fraglich. Schließlich ist im schon fertiggestellten Renommierprojekt Oberbaumcity Leerstand angesagt. Darüber kann der Werbespruch »Oberbaumcity - Symbiose zwischen Tradition und Zukunft«, der an den zahlreichen Informationstafeln und -kästen auf dem Gelände des ehemaligen VEB Narwa angebracht ist, nicht hinwegtäuschen. »Nach über 80 Jahren geht die Industriegeschichte an der Warschauer Straße 2 zu Ende«, so der lapidare Kommentar. Kein Wort dazu, daß sich um die Narwa-Schließung einer der ersten großen Arbeitskämpfe in Ostdeutschland entwickelte, der selbst dem DGB nicht geheuer war. Mancher sah in dieser Bewegung sogar die Wetterzeichen eines neuen Arbeiterwiderstandes.

Widerstandsgeschichte ist natürlich das letzte, was in die postmoderne Spreecity-Glitzerwelt paßt. »Oberbaumbrücke bleibt Standortlücke«, hieß in den frühen 90ern die Parole, mit der einige Kreuzberger Initiativen gegen die Öffnung der Brücke für den Autoverkehr protestierten. Doch nach der Öffnung der Oberbaumbrücke suchten sich die Aktivisten neue Betätigungsfelder. Ihnen ging es überwiegend um den Kuschelkiez, nicht um den Kampf gegen das »neue« Berlin. Ende der 90er wollte eine »Planungswerkstatt für gemeinsame Nutzung des Spreeraums« aus dem Areal einen »Verbindungs- und Besinnungsort zwischen Kreuzberg- und Friedrichshain« machen.

Die Ideen wurden nie aufgegriffen. Lediglich auf dem Gelände des Initiativenprojekts RAW-Tempel e.V. werden sie von kreativen Menschen seit zwei Jahren im Kleinen umgesetzt. Auf dem ehemaligen Reichsbahngelände wechseln sich seitdem Lesungen, Kulturaktionen und Nachbarschaftsfeste ab. Wie es nach dem 30.Juni weitergeht, wissen die Mitarbeiter nicht. Zu diesem Termin wurde dem Verein von der Bahnimmobiliengesellschaft Vivico gekündigt. Ob die Initiativen bei den vom holländischen Architekten Kees Christiaanse vorgestellten Planungen für das Revaler Viereck berücksichtigt werden, ist noch völlig offen. Möglich ist schon, daß einige Künstler eine Nische dort bekommen. Denn gegen etwas Subkultur hat der postmoderne Investor wenig einzuwenden. Nur zu politisch soll sie nicht sein. Das aber war die erklärte Absicht einiger Aktivisten, die Ende Dezember 2001 ein altes Gebäude des ver.di-Vorgängers IG Medien am Michaelkirchplatz besetzten. Dort sollte ein Soziales Zentrum entstehen, das sich auch dem Widerstand gegen Spreecity widmen sollte. Doch obwohl die Gewerkschaft Gesprächsbereitschaft gegenüber den Besetzern bekundete, hat man nach der Räumung von der Initiative nicht mehr viel gehört. So könnte auch die Spreecity wie schon der Potsdamer Platz völlig unter Ausschluß linker Gegenöffentlichkeit zu einem weiteren Brückenkopf des neuen Berlin werden.

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