jungen Welt vom 16.05.2002 Welt ändern, ohne Macht zu erobern?

Bewegung gegen globalen Neoliberalismus: Welt ändern, ohne Macht zu erobern?
jW sprach mit dem Soziologen John Holloway von der Universität Puebla in Mexiko
Interview: Peter Nowak

F: Welche Auswirkungen hatten die Anschläge in den USA am 11.September für die weltweite Protestbewegung gegen den Neoliberalismus, die sich seit Seattle im Aufschwung befunden hat?

Unmittelbar nach den Anschlägen sah es so aus, als wäre der 11.September ein gewaltiger Rückschlag für die gesamte linke Bewegung. Schließlich nahm die Repression enorm zu. Doch andererseits ist nach dem 11.September und der Reaktion der USA auch weltweit die Einsicht gewachsen, daß der Kapitalismus ein unerträgliches Gewaltsystem ist. Das haben die weltweiten Proteste gegen die US-Kriegspolitik gezeigt.

F: Zeigte sich am 11.September nicht auch ein islamischer Fundamentalismus, der ebenfalls eine große Gefahr für die linke Bewegung werden könnte?

Der Islamismus existiert. Doch ich würde in ihm keine wirkliche Gefahr für die linke Bewegung sehen. Denn der Großteil der Menschen hat längst erkannt, daß er keinerlei Lösungsmöglichkeiten und Alternativen für sie bietet.

F: In Ihren unlängst auch auf dem Kongreß der Bundeskoordination Internationalismus diskutierten Thesen ersetzen Sie den Begriff der linken Gegenmacht durch Antimacht. Wo ist der Unterschied?

Der Begriff der Gegenmacht impliziert noch immer, daß unser Kampf lediglich ein Spiegelbild zur herrschenden Macht ist. Die linke Bewegung aber hat in den letzten Jahren erkannt, daß ihre Macht etwas völlig anderes ist als die Macht des Kapitals. Lassen Sie mich den fundamentalen Unterschied auf den knappen Nenner bringen: Das Kapital trennt uns von den Produkten unserer Tätigkeit, vom gesellschaftlichen Reichtum. Das Ziel linker Bewegungen aber ist die Herstellung der Gesellschaftlichkeit, also der ungehinderte Zugang aller Menschen zum gesellschaftlichen Reichtum. Um diesen Unterschied deutlich zu machen, habe ich für diesen Kampf den Begriff Antimacht vorgeschlagen.

F: Welche praktischen Konsequenzen hat das für die Kämpfe?

Der Staat kann nicht mehr zum Bezugspunkt linker Kämpfe genommen werden, und Revolutionen dürfen nicht mehr mit der Eroberung der Staatsmacht identifiziert werden. Es waren die Zapatistas in Mexiko, die diese Grundsätze erstmals in den Mittelpunkt ihres Kampfes stellten. Doch die EZLN ist nur ein wichtiger Teil einer internationalen Bewegung, die sich auf der Suche nach neuen Kampfformen befindet.

F: Greifen Sie mit Ihren Thesen auf anarchistische Vorstellungen zurück?

Ich lehne die starre Trennung zwischen kommunistischem und sozialistischem Gedankengut ab. Ich berufe mich weniger auf alte anarchistische Theoretiker, sondern auf Marx, der in meinem Verständnis ein Anarchist ist.

F: Welchen Stellenwert haben in Ihrem Konzept die Kampfformen? Ist auch ein bewaffneter Kampf um die Antimacht möglich?

Die Zapatistas könnten sich bald in einer Situation befinden, in der sie gezwungen sind, erneut zu den Waffen zu greifen. Doch unabhängig vom Ausgang des Kampfes ist es immer ein Schritt rückwärts, weil man sich damit auf das Terrain der Gegner begibt. Es ist also nicht möglich, die Gewalt als Teil dieses Kampfes grundsätzlich auszuschließen. Aber sie muß immer als etwas vom Gegner Aufgezwungenes begriffen werden.

* Große Aufmerksamkeit erregte der Soziologe John Holloway mit seinen Thesen zur Perspektive weltweiter Protestbewegungen. Im August erscheint von ihm im »Verlag Westfälisches Dampfboot« ein Buch mit dem programmatischen Titel »Die Welt verändern, ohne die Macht zu erobern«.

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