ND vom 10.6.02Die andere Seite von »Silicon Valley«
Arbeitsbedingungen der Neuen Ökonomie im Visier – nicht nur in den USA


Von Peter Nowak

Das US-Filmemacherduo Deborah Kaufmann und Alan Snitow räumt mit dem Mythos
der guten Arbeitsbedingungen im Bereich der Neuen Ökonomie auf. Ihr Film »The
Secrets of Silicon Valley« zeigt, auf welch schmutzige, stupide und schlecht
bezahlte Fabrikarbeit sich die hochgelobte New Economy stützt.
Der aus Indien stammende Zeitarbeiter Raj Jayadev könnte in den USA zum
Protagonisten einer neuen Generation von Gewerkschaftern werden. Dabei arbeitete
er im Mekka der Neuen Ökonomie der USA, in Silicon Valley. In einer Branche
also, die noch immer zu den gewerkschaftsfreien Zonen gehört und gemeinhin
nicht mit Arbeitskämpfen in Verbindung gebracht wird.
Doch von den kreativen, flexiblen Arbeitsbedingungen, die dieser Branche
nachgesagt werden, konnte Raj Jayadev nur träumen. Er musste täglich 800 Druker
der Marke Hewlett-Packard in Kartons verpacken. Wie viele seiner
Arbeitskollegen wurde er durch die Arbeitsbedingungen krank, litt bald an Atembeschwerden
und Nasenbluten. Als er Kritik übte, wurde er vom Management zunächst
isoliert und schließlich entlassen. Doch Jayadev ließ sich nicht einschüchtern und
ging an die Öffentlichkeit. Inzwischen ist er nicht nur in den USA ein
bekannter Mann.
Er ist eine Hauptfigur des 60-minütigen Dokumentarfilms »The Secrets of
Silicon Valley«, in dem Deborah Kaufmann und Alan Snitow mit dem Mythos der guten
Arbeitsbedingungen in der New Economy aufräumen. »Viele Arbeiter in den
Fabriken der High-Techfirmen klagen über Gesundheitsbeschwerden. Wer aufmuckt,
fliegt raus – das sind Zustände wie vor hundert Jahren«, so das Fazit von
Snitow. Die Schattenseiten des Hightech-Booms – das Thema ist nicht
nur in den USA aktuell. Dieses Fazit zogen die Filmemacher, nachdem sie den
mittlerweile synchronisierten und im Fernsehsender Arte ausgestrahlten Film in
mehreren deutschen Städten, vor Gewerkschaftern, Betriebsräten und
Internationalismusgruppen vorgestellt haben.
Eine wichtige Botschaft des Filmes sieht Snitow darin, vor den Gefahren der
rasant zunehmenden Zeitarbeit in der New Economy zu warnen: Negative
gesundheitliche Folgen und Verlust gewerkschaftlicher Rechte. Und Deborah Kaufmann
ist bestürzt: »Es scheint so, als würde Europa mit dem Verweis auf die
internationale Konkurrenz die Zeitarbeit gerade jetzt als Wundermittel entdecken.
Dabei rücken in den USA zunehmend die Gefahren in den Mittelpunkt der Debatte.«
Dazu hat der Film wohl auch beigetragen. Er wurde auf den Wirtschaftsseiten
führender US-Zeitungen besprochen. Auch in Deutschland könnte der Film noch
für Diskussionen sorgen. Verhandlungen mit einem Verleih laufen; eine weitere
Ausstrahlung in einem Fernsehsender ist im Gespräch und Gewerkschaftsgruppen
haben schon Interesse an den Filmkassetten gezeigt.

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