|
ND 28.02.02Schweiz: Indymedia in der Antifa-Kritik Vorübergehende Schließung der Webseite wegen antisemitischer Beiträge
Von Peter Nowak
Eine Anzeige der antifaschistische Schweizer Organisation »Aktion Kinder des Holocaust« (AKdH) gegen die Betreiber von Indymedia sorgt für Aufregung. Vorübergehend geschlossen«, heißt es seit letzter Woche auf der Startseite des Schweizer Zweigs des globalisierungskritischen Netzwerkes Indymedia (www.indymedia.ch). Anders als bei Indymedia Italien, wo die Polizei gegen mehrere angebliche Indymedia-Zentren vorgegangen ist, waren in der Schweiz keine staatlichen Zensurmaßnahmen für die Schließung verantwortlich. Der unmittelbare Anlass war vielmehr eine Anzeige der antifaschistischen Schweizer Organisation »Aktion Kinder des Holocaust« (AKdH) gegen die Betreiber von Indymedia. Das Internetmagazin habe durch die Veröffentlichung rassistischer, revisionistischer und antisemitischer Texte gegen das in der Schweiz geltende Antirassismusgesetz verstoßen, meint AKdH-Sprecher Samuel Althof. So wurde in anonym ins Netz gestellten Beiträgen die Shoah geleugnet. Außerdem wurden in Karikaturen des mexikanischen Zeichners Latuff palästinensische Kinder aus den von Israel besetzten Gebieten mit jüdischen Kindern aus dem Warschauer Ghetto in der Nazizeit gleichgestellt. Unter den Nutzern des linksalternativen Internet-Netzwerks, das mittlerweile in mehr als 70 Ländern Filialen unterhält, gibt es über den Umgang mit diesen Beiträgen heftigen Streit. Ein Teil pocht auf den Grundsatz der freien, unzensierten Information, der zu den Grundanliegen Indymedia gehört. »Dieser Ansatz ist gescheitert und hatte auch wenig mit Emanzipation zu tun«, meint ein Vertreter der linken Schweizer Gruppe »Für einen progressiven Antikapitalismus«. Die Haltung von Indymedia, die durch die völlige Publikationsfreiheit gegen Zensur anzukämpfen vermeint, erweise »sich dort, wo Freiheit in bloße Beliebigkeit und Dummheit umschlägt, als eine wirksamere Abklemmung von allem Denken als sie eine offene Zensur je zu Stande bringen würde«. Allerdings ist im Indymedia-Konzept die so genannte eingeschränkte Moderation eingebaut, die die Publizierung besonders anstößiger Inhalte verhindern soll. In der Schweiz werden diese Texte in den so genannten Zensurkübel verbannt, aber nicht gelöscht. Mit wenigen Mausklicks hat jeder Internetnutzer Zugang zu den inkriminierten Texten. Für Samuel Althof ist das ein Grund, seine Anzeige aufrecht zu erhalten. Und davon ist nicht nur Indymedia-Schweiz betroffen. Vor Monaten hatte der Umgang mit Texten einer rechten russischen Gruppe für wochenlange erbitterte Diskussionen im Netz gesorgt. Jetzt wollen die Schweizer Indymedia-Macher die Auszeit im Netz nutzten, um wieder zu einer gemeinsamen Grundlage zu gelangen, auf welcher »angstfreie Diskussionen möglich sind«, heißt es auf ihrer Webseite. Am 6. März soll auf einer öffentlichen Großveranstaltung in Zürich über freie Meinungsäußerung im Zeitalter des Internet diskutiert werden. Dabei dürften die Fetzen fliegen. Denn schon im virtuellen Raum standen sich Linke, die das Anliegen der AKdH unterstützen, jenen Freunden der offenen Kommunikation gegenüber, die in der Anzeige in erster Linie einen Zensurversuch sehen und dabei den politischen Kontext völlig ausblenden. Es blieb nicht bei den verbalen Attacken. Aus Protest gegen die Haltung von Indymedia-Schweiz wurden deren Server in den letzten Wochen durch Mailüberflutung mehrmals lahm gelegt. Solche Internetdemonstrationen hatten linke Gruppen bisher gegen große Konzerne wie Lufthansa angewandt. |