jungen Welt vom 10.06.2002 600 Roma fordern Bleiberecht
Flüchtlinge in Berlin: Schicksal nicht über unsere Köpfe hinweg entscheiden
Peter Nowak

»Zwei Frauen fielen in Ohnmacht, andere wollten in Panik aus der sechsten Etage springen, und die Kinder schrien vor Angst«. Mit Empörung in der Stimme berichtete der Sprecher des Centre of Integration, Affirmation and Emanzipation of the Roma in Germany, Dzoni Sichelschmidt, auf einer Pressekonferenz am Sonntag in Berlin über eine Polizeirazzia am vergangenen Freitag. Mehrere Hundertschaften der Berliner Polizei hatten zwei von drei Flüchtingswohnheimen durchsucht, die die Berliner Senatssozialverwaltung zuvor den etwa 600 Roma für die nächsten Tage als Unterkunft zur Verfügung gestellt hatte. Von etwa 150 Menschen wurden die Personalien aufgenommen - bis die Polizeiaktion durch den Sozialsenat gestoppt werden konnte. »Da hat die Verwaltung gegen die Senatspolitik gehandelt. Da besteht noch Aufklärungsbedarf«, erklärte die flüchtlingspolitische Sprecherin der PDS-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Karin Hopfmann.

Doch Sichelschmidt hatte nicht nur Negatives über Berlin zu berichten. Er bedankte sich ausdrücklich bei der PDS und Flüchtlingsinitiativen für die guten Unterkünfte. »Die gab es in keiner anderen Stadt. Dafür hatten wir dort allerdings keinen Ärger mit der Polizei«.

Die Roma waren in einem Konvoi nach Berlin gekommen, um gegen ihre drohende Abschiebung nach Jugoslawien zu protestieren. Zuvor hatten sie Protestaktionen in Essen, Düsseldorf, Hamburg und bei der Innenministerkonferenz in Bremerhaven organisiert. »Wir kommen nach Berlin, weil dort die Politiker sitzen, die über unser Schicksal entscheiden«, erklärte Sichelschmidt. In den nächsten beiden Tagen sind zwei große Protestaktionen in der Hauptstadt geplant. Am Montag wollen die Roma mit einer Demonstration vom Schloßplatz zum Brandenburger Tor ihre Forderungen an die Öffentlichkeit bringen. Am Dienstag sind Proteste vor der jugoslawischen Botschaft in Berlin-Grunewald geplant. »Wir wollen dort dagegen protestieren, daß Politiker aus Deutschland und dem ehemaligen Jugoslawien über unsere Köpfe hinweg unser Schicksal entscheiden«, so Sichelschmidt. Die Polizei hat bisher lediglich die Proteste am Montag genehmigt.

Auf der Pressekonferenz betonten Sichelschmidt und andere Romavertreter, daß sie nach einer Abschiebung in eine für sie völlig fremde Umgebung nicht nur sozialer Not, sondern auch politischen Verfolgungen ausgesetzt wären. »Ich bin hier zur Schule gegangen, spreche die deutsche Sprache perfekt und bin hier völlig integriert. Warum wird mir nicht die Möglichkeit gegeben, hier zu leben« fragte ein 17jähriger. Ob er in den nächsten Tagen in Berlin eine Antwort bekommt, wird sich noch zeigen.

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