jungen Welt vom 20.02.2002»Lifestyle of Hate«
Eine aktuelle Broschüre nimmt die extreme Rechte in Ostwestfalen-Lippe unter die Lupe
Peter Nowak

Mehr als 1000 Neonazis protestierten in Bielefeld kürzlich gegen die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1945. Bereits für den 3. März haben Vertreter der »Freien Kameradschaften« einen weiteren Aufmarsch in der ostwestfälischen Stadt angekündigt. Die Häufung dieser und ähnlicher Veranstaltungen in der Region läßt eine besonders aktive rechte Szene in Ostwestfalen-Lippe (OWL) vermuten.

Daß man mit dieser Annahme nicht falsch liegt, belegt eine aktuelle Broschüre, die die Antifa West Bielefeld und die Gruppe Argumente und Kultur gegen Rechts gemeinsam herausgegeben haben. Die scheidende Bundestagsabgeordnete der Grünen Annelie Buntenbach, die ihren politischen Hintergrund in der Bielefelder Antifaszene hat, kommt im Vorwort zu einer ernüchternden Einschätzung der rechten Strukturen in der Region: »Diese Broschüre beschreibt eine sprunghafte Zunahme ihrer Aktivitäten, die Neugründung von Gruppen, Treffpunkten, Bands und Versandgeschäften«.

Schon mit den Nachrichtenschnipseln auf den ersten Seiten des Heftes wird die Themenbreite deutlich. Vom Wehrsport in westfälischen Wäldern bis zu einem von der Polizei heruntergespielten Neonaziüberfall vor dem Detmolder Kulturzentrum »Alte Pauline« reicht das Material. Ausführlich werden die rechten Parteien im Landkreis und die in der letzten Zeit aktiveren Freien Kameradschaften vorgestellt, die derzeit mit der NRW-weiten Gruppe »Widerstand West« die bisher losen Strukturen zu bündeln versuchen.

Doch bei der Beschreibung der rechten Strukturen bleiben die Herausgeber nicht stehen. Wie im Titel »Lifestyle of Hate« angedeutet, legen sie besonderes Augenmerk auf rechtes Lebensgefühl, mit dem sich die verschiedenen Neonazigruppen im vorpolitischen Raum Anhänger schaffen. Mit Werwolf, Sleipnir und Reichswehr kommen gleich drei berüchtigte Neonazibands aus OWL. Unter dem Titel »Unsere Welt – das Magazin des Rock’n’Roll-Widerstandes« wollen sich ostwestfälische Neonazis gar als Vertreter einer rebellischen Jugendkultur präsentieren. Ein gesondertes Kapitel ist den Ablegern der Grufti- und Black-Metal-Szene gewidmet, die mit ihrer Ablehnung des Rationalen und ihrer Mittelalterverklärung eine offene Flanke zu rechten Kreisen haben.

In dem Heft wird auch deutlich gemacht, daß das Interesse der unterschiedlichen rechten Gruppierungen an der Region kein Zufall ist. Das Hermannsdenkmal bei Detmold und das Kaiserdenkmal bei Porta Westfalica haben für sie einen hohen Symbolwert. Die Externsteine und die von Himmler für eine SS-Reichsführerschule vorgesehene Wewelsburg avancierten zu rechten Kultstätten. Eine wichtige Koordinierungsstelle für sämtliche Fraktionen der extremen Rechten ist auch die Heimvolkshochschule Collegium Humanum in Vlotho.

* Lifestyle of Hate. 50 Seiten. Bestellung bei: Antifaschistische Initiative im Bielefelder Westen (Antraf West), c/o BI Bürgerwache, Rolandstr. 16, 33615 Bielefeld; Preis: 3 Euro (ab 10 Ex. 2 Euro)

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