jungen Welt vom 12.06.2002Prüfung für tolerante Brandenburger
Rathenow: Antifaschistische Gruppen mobilisieren zur Großdemonstration gegen »rechten Konsens«
Peter Nowak

Erwartet die Bürger der brandenburgischen Stadt Rathenow am kommenden Samstag »ein heißer Tanz«? Das zumindest suggeriert die regionale Presse in ihrer Berichterstattung. Der Grund: Antifaschistische Gruppen aus Brandenburg und Berlin wollen in der Stadt gegen die in den letzten Monaten verstärkten Aktivitäten von Neonazis auf die Straße gehen. In den letzten Jahren gab es immer wieder Übergriffe auf Nichtdeutsche und Linke.

Durch eine große Antifademonstration im Herbst 1995 und durch Aktionen der Flüchtlingsinitiative Brandenburg, deren Protagonisten im Rathenower Asylbewerberheim lebten und ihre Diskriminierung und Ausgrenzung öffentlich machten, wurde die Stadt auch überregional bekannt. Dazu trug unter anderem eine Reportage des ARD-Magazins Kontraste im Jahr 2000 bei. Deren Ausstrahlung führte zu heftigen Reaktionen. Die ARD hatte über die Verankerung von Neonazis in einer Rathenower Schule berichtet. Obwohl Mitglieder einer neonazistischen Kameradschaft sogar an einer Schülerzeitung mitarbeiteten und im Schülerrat mitgewirkt haben sollen, bestritt der Schuldirektor vor der Kamera entschieden, daß es an seiner Schule überhaupt Rechtsradikale gebe. In der Folge wurden nicht etwa die Neonazis, sondern die Fernsehjournalisten als »Nestbeschmutzer« betrachtet.

In den Augen der Antifaschisten, die die Demonstration am Samstag initiiert haben, ist dieses Verhalten typisch für einen Großteil der Politiker und Honoratioren der Stadt. Sie sehen eine Toleranz in der Stadt nur für Rechte. Deshalb wollen sie auf der Demonstration für eine antifaschistische Jugendkultur eintreten. Anlaß sind Vorfälle der vergangenen Monate. So wurden am 8.August 2001 zwei linke Jugendliche von Rechten überfallen und schwer verletzt. Und im November 2001 wurden zwei sudanesische Flüchtlinge von Neonazis überfallen.

Doch auf der Demonstration soll nicht nur die Gewalt von rechts, sondern auch der vom Staat praktizierte Rassismus gegenüber Flüchtlingen durch die Ausländergesetze und die sogenannte Residenzpflicht kritisiert werden. Auch der Umstand, daß Mitglieder der »Kameradschaft« Rathenow zum Wachschutz des Flüchtlingsheims gehören sollen, soll öffentlich gemacht werden.

* Die Demonstration unter dem Motto »Wegsehen war schon immer Scheiße - Gegen den rassistischen Konsens vorgehen!« beginnt am 15. Juni um 14 Uhr am Rathenower Dunckerplatz (Hauptbahnhof). Treffpunkt in Berlin: 12 Uhr, Alexanderplatz, Bahnsteig (RE 38170, Abfahrt 12.13 Uhr)

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