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Frankfurter Rundschau vom 13.8.02Wunschproduktion Das alternative Stadtentwicklungsprojekt RAW-Tempel in Berlin hat gute Chancen
Von Peter Nowak (Berlin)
Ständig hasten Menschen auf der Warschauer Brücke im Berliner Stadtteil Friedrichshain zwischen den dort im Minutentakt fahrenden S- und U-Bahnen hin und her. Deswegen bleibt eine Tafel dort wenig beachtet: "Bauherrin: Multitude, Entwurf: Wunschproduktion, Bauausführung: Bevölkerung" ist dort zu lesen.
Wen diese rätselhafte Bauinformationen neugierig gemacht haben, betritt durch ein großes Gartentor eine andere Welt. In bunt angemalten alten Autoreifen sprießen Pflanzen, aus Blechteilen fabrizierte Kunstgegenstände stehen auf dem Hof. In einer anderen Ecke fühlt sich der Besucher unversehens auf einen südländischen Markt versetzt. In dem dunklen, mit einer Markise bedeckten Gang haben afrikanische Restaurants ihr Domizil. An eine Mauer gegenüber hat ein fröhlicher Zeitgenosse den Spruch "Hoffen, dass es der Katze schmeckt" gepinselt.
Es ist ein Stück Idylle mitten im geschäftigen Berliner Leben, das der "RAW-Tempel e.V." in den letzten beiden Jahren in der Nahtstelle zwischen Ost- und Westberlin umgesetzt hat. RAW-Tempel - der Name hat keine religiöse Bezüge, sondern ganz weltliche Wurzeln. Einst befand sich auf dem Gelände das Reichsbahnausbesserungswerk (RAW). Danach war es lange Zeit eine Industriebrache, die in der Fachsprache auch Tempel genannt wird.
Erst 1998 regte sich auf dem Gelände wieder Leben. Kulturelle Initiativen und Projekte hatten Zwischennutzungsverträge erstritten. Zurzeit gehen die Verhandlungen zwischen dem RAW-Vorstand und den Bezirkspolitikern über eine langfristige Sicherung des Projekts in die entscheidende Runde. Die Chancen stehen gut. "Zwischen uns und den grünen Baustadtrat des Bezirks Frank Schultz passt kein Blatt Papier", erklärte RAW-Tempel-Vorstandsmitglied Mirko Assatzk stolz.
Den guten Ruf bei den Behörden haben sich die RAW-Templer durch ihre unkonventionellen Ideen zur Stadtsanierung erworben, wie ihnen selbst professionelle Stadtplaner bescheinigen. Dass der Bau immer neuer Büro- und Businesspaläste an die Grenzen stößt, kann mittlerweile auch die offizielle Stadtpolitik nicht mehr ignorieren. RAW-Tempel geht andere Wege. Zweimal im Monat beraten Nachbarn und potenzielle Nutzer über die Zukunft des Geländes. Jugendliche wollen eine Skaterbahn aufbauen, Kleinkünstler stellen ihre Pläne vor. Eine ältere Bewohnerin will sich nur mal informieren, was in Zukunft in ihrer Nachbarschaft geschieht.
"Die Wünsche der Bürgerinnen und Bürger sollen im Mittelpunkt stehen", umreißt Frauke Hehl vom RAW-Tempel-Vorstand ihre Motivation. Ihre Sorge: dass noch kurz vor Vertragsabschluss ein Großunternehmen Interesse an dem Grundstück bekundet. Dann blieben alle schönen Pläne "Wunschproduktion", so wie es auf der wenig beachteten Tafel steht. |