Telepolis vom 7.01.02Es geschah in Genua

Peter Nowak

Das Projekt Memoria will an die Polizeiübergriffe gegen
Globalisierungsgegner erinnern

"Meine Zelle füllte sich mit meist sehr jungen Jungen und Mädchen. Die
meisten bluteten stark. Ihre Gesichter waren von den vielen Schlägen
verunstaltet. Viele waren kaum noch bei Bewusstsein und weinten nur
noch." Was die französische Globalisierungskritikerin Valerie Vie am
Samstag im [1]Berner Kulturzentrum Reithalle schilderte, spielte sich
in Genua in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli und an den folgenden
Tagen ab.

Viel wurde danach über diese Ereignisse geschrieben. Trotzdem schienen
sie schnell in Vergessenheit geraten zu sein. Dem wollte das Projekt
[2]Memoria entgegentreten. Initiiert wurde es von Schweizer
Globalisierungsgegnern zusammen mit Gleichgesinnten in Italien und
Deutschland.

Schon Mitte September begann in der Reithalle eine Ausstellung. Dort
wurden Videoausschnitte von den Polizeiübergriffen mit anderen Bildern
kontrastiert, die Zigtausende von Demonstranten und ihren
phantasievollen Protest zeigen. Am Boden der Ausstellungshalle sind
weitere Fotos von den Protesten verteilt. Scheinbar wahllos wie
zufällig fallen gelassen. Doch dahinter steckt ein künstlerisches
Konzept. Der Betrachter soll nicht wie in einem Museum Kunst
konsumieren. "In diesem Projekt treffen Kunst und Politik, genauer die
Installationen von [3]Pino Scuro und die globalisierungskritische
Bewegung aufeinander"; meinte einer der beteiligten Künstler. Im
Zentrum steht die Reflexion über die Gewaltexzesse der Polizei, die in
der Erschießung des jungen Demonstranten Carlo Giuliani am 20.Juli 2001
und den Sturm auf die Diaz-Schule, dem Schlafplatz vieler
Demonstranten, einen Tag später kulminierte. Am vergangenen Samstag
fand das kunstpolitische Projekt mit einem sogenannten Volkstribunal zu
Genua seinen Abschluss. Auch hier wechselten künstlerische und
politische Mittel einander ab. Während die Eröffnung stark
kabarettistische Züge trug und im Hintergrund der Song "Tanz den
Mussolini" von der Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft lief, konnte
der Block mit den Berichten der Betroffenen nicht eindrucksvoller sein.
Demonstranten aus Italien, der Schweiz, Frankreich und Deutschland
schilderten ihre Erfahrungen in den Polizeiwachen und den Gefängnissen.
Sie alle sprachen von den Erniedrigungen und Misshandlungen. Vieles
hatte man im Sommer 2001 schon mal gehört. Trotzdem hinterlassen die
intensiven Schilderungen der Betroffenen noch immer ein Gefühl der
Beklommenheit. Vor allem angesichts des schwarzen Lochs, in das die
Ereignisse von Genua seit dem 11. September 2001 gefallen zu sein
scheinen.

"Die Erfahrungen der Julitage in Genua waren noch frisch und kaum
aufgearbeitet, als am 11.September 2001 die Himmelfahrtskommandos in
New York und Washington zuschlugen und Tausende von Menschen in den
Trümmern begruben. Die in Genua aufgeworfenen Fragen nach sozialer
Gerechtigkeit und einer Umverteilung des Reichtums waren auf einem
Schlag vom Tisch. Die Angst vor dem Terror wurde zur Trumpfkarte der
Herrschenden", schrieben die Schweizer Veranstalter des
Memoria-Projekts.

Die meisten der in Bern anwesenden Zeugen müssen noch immer mit
Anklagen wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und anderer Delikte
rechnen. Ob es je zu Anklagen gegen die Polizisten kommt, ist dagegen
noch immer ungewiss. Italiens rechte Regierungsmehrheit steht noch
immer zu ihren Ordnungshütern. Dem Chef des Mobilen
Polizeieinsatzkommandos von Rom, Vinzenzo Canterini, wird
beispielsweise Fälschung von Beweismitteln vorgeworfen. Er soll dafür
verantwortlich sein, dass zwei schon einen Tag vorher auf einer Strasse
gefundene Molotow-Cocktails in der Diaz-Schule deponiert wurden, um die
Insassen als gewaltbereite Chaoten hinstellen zu können.

Links

[1] http://www.reitschule.ch/reitschule/index.shtml
[2] http://www.memoria.ch
[3] http://www.memoria.ch/downlds/inserat-300.pdf

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