jungen Welt vom 18.03.2002Noch Angst?
Gegen das Kopf-in-den-Sand-Stecken: Ein Film über Patrice Lumumba
Peter Nowak

Das ist eine wahre Geschichte... Am 30.Juni 1960 wurde ein junger Autodidakt und Nationalist namens Patrice Lumumba im Alter von 36 Jahren Regierungschef des neuen unabhängigen Staates. Aber seine Amtszeit sollte nur zwei Monate dauern«. Mit diesen Sätzen beginnt der Film »Lumumba« über das kurze Leben des ersten kongolesischen Präsidenten. Er wird als charismatischer Antiimperialist vorgestellt, der sterben mußte, weil er die Bodenschätze nicht mehr ausländischen Konzernen und Kolonialmächten überlassen wollte. »Selbst tot mache ich ihnen noch Angst«; dieser Satz, den Lumumba kurz vor seiner Ermordung niedergeschrieben haben soll, tönt gleich in der Anfangsszene aus dem Off. Obwohl der Film schon vor zwei Jahren gedreht wurde, ist er in Deutschland weitgehend unbekannt. Bis heute hat sich kein Verleih gefunden. Lediglich eine Kopie mit deutschen Untertiteln wird vom Evangelischen Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit (EZEF) verliehen. »Das hat nichts mit dem Film, aber sehr viel mit Deutschland zu tun. Beim Thema Afrika steckt das Land den Kopf in den Sand«, meint Raoul Peck. Der Regisseur des Filmes hat selbst 15 Jahre in Westberlin gelebt und dort Anfang der 80er Jahre die Deutsche Film- und Fernsehakademie absolviert. »In dieser Zeit habe ich häufig erlebt, daß mir viele Türen verschlossen blieben und es mir immer schwerer wurde, künstlerisch zu arbeiten«, schildert Peck das Desinteresse an Filmthemen, denen der »deutsche Bezug« fehlte.

Dazu zählen historische afrikanische Themen auf jeden Fall. Daß Ende des 19. Jahrhunderts auf der Kongokonferenz in Berlin das Land unter den Kolonialmächten mit dem Lineal aufgeteilt wurde, ist hierzulande selbst in kritischen Kreisen kein Thema. Ganz anders in den Nachbarländern Frankreich und Belgien. Dort sorgte »Lumumba« nicht nur wochenlang für volle Kinos, sondern auch für heftige politische Debatten. Kein Wunder: In den beiden Ländern steht nach den Veröffentlichungen des Journalisten Luido de Witte der Tod des ersten kongolesischen Präsidenten und die Verwicklung belgischer Militärs in seine Ermordung seit Monaten auf der politischen Agenda. Raoul Peck ist allerdings kein Mann, der einen kurzfristigen politischen Hype bedient. Schon 1993 kündigte er auf einem afrikanischen Filmfestival an, einen Spielfilm über die Ermordung Lumumbas drehen zu wollen. 1991 hatte sich Peck mit der Dokumentation »Lumumba - Tod eines Propheten« auf essayistische Weise mit der Person Lumumbas auseinandergesetzt. Zwischendurch hatte Peck anderes zu tun. Nach 1996 arbeitete er mehrere Jahre in seiner Heimat Haiti als Kulturminister.

* »Lumumba«, Regie: Raoul Peck, Belgien/Haiti/BRD 2000, 112 Minuten, heute 20 Uhr bzw. 22.30 Uhr im Regenbogenkino in der Lausitzer Strasse 22 in Berlin-Kreuzberg

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