taz27.9.2002Der Ganz-Nahost-Konflikt
Linke Online-Zeitung veranstaltet Samstag im ehemaligen ND-Gebäude einen
Palästinakongress. Linke Gruppen rufen zum Protest gegen die "potenziellen
Judenmörder" und für den Kommunismus
von PETER NOWAK

Im Nahen Osten hat sich die Lage in den letzten Tagen wieder zugespitzt, und
auch in Berlin könnte der Nahostkonflikt unter den Linken am Wochenende
wieder ausbrechen. Die verbale Aufrüstung zumindest ist seit einigen Tagen in
vollem Gange. Anlass für die innerlinke Drohkulisse ist eine ganztägige
Konferenz unter dem harmlos klingenden Titel "Zur aktuellen Lage im Nahen Osten", zu
der die Redaktion der Online-Zeitung Kalaschnikow am 28. September ins
ehemalige Gebäude des Neuen Deutschlands nach Friedrichshain lädt.

Unter den angekündigten Referenten sind Wissenschaftler aus Ost- und
Westdeutschland, die eher dem traditionslinken Spektrum zugeordnet werden können.
Wie bei der Thematik nicht anders zu erwarten, sollen auch Experten aus dem
arabischen Raum zu Wort kommen. Aus Israel allerdings wurde wohl kein Referent
eingeladen. Doch zumindest kulinarisch soll auf der Konferenz für
Ausgewogenheit gesorgt werden. Wird doch laut Veranstalter ein
"palästinensisch/arabisch/israelisches Abendbrot" angeboten.

Eine mehr oder weniger interessante Saalveranstaltung, könnte man meinen.
Doch die Wellen schlagen hoch. Auf linken Internetseiten und in Szenekneipen
zirkulieren Aufrufe, die zur Störung oder gar zur Verhinderung der Konferenz
aufrufen. Geht es doch um den Nahostkonflikt, der zur Zeit die Restlinke
polarisiert, wie kaum ein anderes Thema. Mit Vorwürfen und Anschuldigungen wird
dabei nicht gespart. So heißt es in einem von der antideutschen Zeitung Bahamas
verbreiteten Aufruf schlicht: "Am 28. 9. 02 im alten ND-Gebäude treffen sich
potenzielle Judenmörder, Volkstumsspezialisten, Blut-und-Boden-Ideologen und
romantische Antikapitalisten zu dem Zweck, antisemitische Angriffe zu
legitimieren."

Bei einer solchen Einschätzung ist es nur konsequent, dass die Bahamas
gemeinsam mit weiteren antideutschen Gruppierungen unter dem Motto "Keinen
Fußbreit dem Faschismus! Lang lebe Israel! Für den Kommunismus!" um 10.30 Uhr zur
Gegenkundgebung vor dem Konferenzort ruft. Als Anmelderin der Aktion fungiert
die ehemals bündnisgrüne, jetzt parteilose Berliner Europaabgeordnete Ilka
Schröder. Auch die Hummel-Antifa - eine antifaschistische Gruppe an der
Humboldt-Universität - mobilisiert gegen die Konferenz, die als "Schnittstelle von
Querfrontstrategie und Antisemitismus" bezeichnet wird.

Überrascht über diese Reaktionen zeigte sich Kalschnikow-Herausgeber Stefan
Pribnow: "Warum eigentlich protestieren Antifaschisten gegen Antifaschisten?"
Entschieden weist er die in den Aufrufen erhobenen Vorwürfe zurück, dass auf
Kalaschnikow-Online für rechte Zeitungen geworben werde. Schließlich gebe es
dort keinerlei Werbebanner. Im offenen Forum habe es zwar schon Postings aus
rechter Ecke gegeben, doch dafür trage die Redaktion keinerlei
Verantwortung.

Vielleicht werden sich die Konferenzveranstalter noch bei ihren Gegnern
bedanken. Schließlich haben sie mit ihren Aufrufen unfreiwillig Werbung gemacht.
Möglich auch, dass die Kritiker am Samstag noch länger unterwegs sind.
Schließlich startet um 14 Uhr am Adenauerplatz unabhängig vom Kongress eine
Demonstration unter dem Motto "Freiheit für Palästina", zu der mehrere tausend
Menschen, überwiegend aus dem arabischen Raum, erwartet werden.

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