Telepolis vom 5.9.02Treffen der Unkooperativen

Peter Nowak 05.09.2002

Das Netzwerk Peoples Globale Action hat durchaus ein
Mobilisierungspotential, aber noch immer mit hausgemachten Problemen zu
kämpfen

Die globalisierungskritische Organisation [1]Attac ist weithin
bekannt. Doch wer kennt PGA? Die Abkürzung steht für Peoples
GlobalAction. Dabei handelt es sich um ein internationales Netzwerk
linker Globalisierungskritiker, dass vom 31.August bis zum 4. September
im holländischen Leiden zur [2]2.Europakonferenz eingeladen hat.

Die Entstehungsgeschichte von PGA führt zum Aufstand der Zapatistas im
südmexikanischen Chiapas Anfang der 90er Jahre. Die Bewegung mit dem
charismatischen und wortgewaltigen Commandante Marcos als Worführer
inspirierte auf der ganzen Welt viele Menschen zu neuen Aktivitäten,
die spätestens seit 1989 die "alte Linke" und ihre Aktionsformen für
überholt hielten. Vielmehr standen bei ihnen Grundlagen im Vordergrund,
die bis heute zu Essentials von PGA gehören. Es ist die Ablehnung von
Hierarchien und Machtpositionen, sowie der Kampf gegen alle
Unterdrückungsstrukturen. Darunter verstehen die um das PGA-Netzwerk
gruppierten Aktivisten nicht nur den Kapitalismus sondern ebenso
Rassismus und Patriarchat.

Im Februar 1998 wurde das Netzwerk auf einem Treffen in Genf unter dem
Titel People Globale Action gegen Freihandel und WTO" offiziell
gegründet. Es dauerte noch mehr als 20 Monate bis nach den Aktionen von
Seattle, an der PGA-Aktivisten beteiligt waren, die Anti-WTO-Bewegung
weltweit ein Begriff wurde. Von Attac war damals noch keine Rede.
Während sich in PGA in Asien und Indien bäuerliche Organisationen mit
großer Popularität vernetzen, sind es in Europa noch immer Kleingruppen
mit begrenzter Massenwirksamkeit, die sich hinter die drei Buchstaben
stellen. Dabei ist das Potential längst nicht ausgeschöpft.

Gerade unter jüngeren Globalisierungskritikern wächst die Kritik am
recht zahmen Agieren von Attac und den staatlichen
Vereinnahmungsversuchen . Am vergangenen Sonnabend wurde das in
Amsterdam deutlich, wo sich zahlreiche Demonstranten gegen die
offiziellen Verlautbarungen des Weltklimagipfels in Johannesburg aber
auch das dortige Agieren vieler Nichtregierungsorganisationen ( [3]NGO)
wandten. Durch diese von PGA-Gruppen wesentlich mitinitiierten Proteste
kam auch das Europatreffen mehrmals in die Abendnachrichten des
holländischen Fernsehens und PGA wurde wegen ihrer Ablehnung von
Lobbyismus als potentielle linke Alternative zu Attac bezeichnet. Doch
so weit ist es noch lange nicht. Für die geringe Ausstrahlungskraft
machen Altaktivisten hausgemachte Probleme verantwortlich.

So gibt es keine PGA-Sprecher sondern nur Delegierte, die das nächste
Treffen vorbereiten ohne darauf inhaltlich Einfluss nehmen zu können.
Für das Treffen in Leiden hatten eine katalanische und eine
holländische Organisation diesen undankbaren Job übernommen. In den
Plenas und Arbeitsgruppen äußerten viele der über 300 aus verschiedenen
europäischen Ländern aber auch dem arabischen Raum und Israel
angereisten Aktivisten Kritik an der bisherigen Praxis des
Eventhoppings Statt kurzfristiger Kampagnen vor dem nächsten EU- oder
Weltwirtschaftsgipfel soll eine langfristige Widerstandsstrategie
ausgearbeitet werden. Als konkreter Vorschlag wurde in Leiden die
Vorbereitung einer europäischen [4]Consulta diskutiert. Die Idee stammt
- wie könnte es anders sein - mal wieder von der EZLN"; heißt es mit
einem Schuss Selbstironie im Konferenzreader.

Anders als in Mexiko soll es allerdings nicht um eine Befragung der
Bevölkerung sondern eher vage um die Vorbereitung eines kollektiven
Diskussionsprozesses" mit linken Gruppen und Teilen der Bevölkerung
gehen. Auch der Umgang mit dem Europäischen Sozialforum, dass
Attac-nahe Gruppen im kommenden November in Florenz [5]planen war in
Leiden ein Diskussionsthema. PGA-Aktivisten werden mit eigenen Inhalten
in Florenz vertreten sein und wollen dort auch die Kritik an Lobbyismus
und mangelnder Staatskritik in dieBewegung hineintragen.

Das Treffen in Leiden erinnerte mit seinen vielen Arbeitsgruppen eher
an einen "Markt der Widerstandsmöglichkeiten" als an ein
Koordinierungstreffen. Manche werden sich auch auf die großen Events
der so genannten Neuen sozialen Bewegungen erinnern, die nach einem
kurzen Hype vor 20 Jahren schnell wieder verschwanden. Ob dem
PGA-Netzwerk eine ähnliche Zukunft bevorsteht,wird nicht durch ein
Europatreffen sondern die konkrete Praxis entschieden. Kritik gab es in
Leiden auch, dass der drohende US-Militärschlag gegen den Irak, gegen
den Massenproteste in Europa zu erwarten sind, auf der PGA-Konferenz
nur eine untergeordnete Rolle spielen. So könnte die Bewegung von
diesen Irakkrieg genau so kalt erwischt werden, wie letztes Jahr die
gesamte globalisierungskritische Bewegung von den Anschlägen des
11.September.

Links

[1] http://www.attac-netzwerk.de
[2] http://www.pgaconference.org
[3] http://www.aseed.net/un-coopareted/a31-plan
[4] http://www.soziale-consulta.de
[5] http://www.fse-esf.org

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