jungen Welt vom 13.07.2002Rechts um Wenn Antideutsche zu sehr hassen:                                                                                      Wo bleibt die Antifa, wenn Oriana Fallaci Europa retten möchte?
Peter Nowak

»Ich finde es beschämend, daß so viele Italiener, so viele Europäer sich zu Vasallen des Herrn Arafat machen (...) Diese Null, die dank der Gelder der saudischen Königsfamilie den Dauer-Mussolini gibt und der in seinem Größenwahn glaubt, als der George Washington Palästinas in die Geschichte einzugehen. Dieser Halbanalphabet, der, wenn man ihn interviewt, nicht in der Lage ist, einen kompletten Satz, geschweige denn eine sinnvolle Aussage fertig zu bringen (...) Dieser Pseudo-Guerillero, der wie Pinochet immer nur Uniform und niemals Zivil trägt, und der dessen ungeachtet noch niemals an einem Gefecht teilgenommen hat. Er ließ immer und läßt noch Krieg führen. Nicht zuletzt gegen die armen Seelen, die an ihn glauben. Dieser pompöse Stümper, der sich in der Rolle des Staatsoberhaupts gefällt, ließ die Verhandlungen von Camp David scheitern, die Clinton-Initiative: Nein-Nein-Jerusalem-das-ich will-alles-haben-für mich. Dieser notorische Lügner, den ein Hauch von Glaubwürdigkeit nur dann umgibt, wenn er (im Privaten) Israel das Existenzrecht bestreitet (...) Dieser ewige Terrorist, der sich nur auf Terrorismus versteht, der damals, als ich ihn interviewte, RAF-Terroristen ausbildete. (...)«

Wer könnte erraten, wo dieser Text zuerst auf deutsch publiziert wurde? In der FAZ, im Bayernkurier oder in der Jungen Freiheit? Ganz falsch: In der aktuellen Ausgabe des antideutschen Zirkulars Bahamas sind diese Tiraden erstmals auf Deutsch zu lesen. Es ist ein Nachdruck aus dem rechten italienischen Magazin Panorama. Verfasserin ist die italienische Journalistin Oriana Fallaci. In den siebziger Jahren war sie eine bekannte Journalistin, die für ihre tabulosen Interviews mit Prominenten in der ganzen Welt bekannt war. Unter anderem hatte sie damals Scharon und Arafat befragt. Sie war wohl auch die einzige Frau, die Khomeini vor das Mikrofon bekam.

Danach wurde es still um die Fallaci, die sich immer mehr in den USA aufhielt. Mit ihrem jüngsten Buch »La rabbia et l'orgoglio« (»Die Wut und der Stolz«), das unter dem Eindruck der Anschläge in den USA geschrieben wurde, hat sie sich mit einem Paukenschlag zurückgemeldet. Gegen dieses Buch ist der in Bahamas nachgedruckte Text noch direkt liberal. In »La rabbia et l'orgoglio« läßt die Autorin ihrem Haß auf Flüchtlinge und Einwanderer freien Lauf. Da überfluten Muslime Europa »und vermehren sich wie Ratten«. Doch Fallaci weiß, wie man mit diesen Menschen umgehen soll: »In Reih und Glied stellen, zu einem Hafen oder Flughafen schaffen und zurückschicken«. Sie bekennt auch, daß sie selber ein Protestzelt, in dem somalische Flüchtlinge gegen ihre Illegalisierung in der Innenstadt von Florenz protestierten, in Brand gesteckt hätte, wenn nicht die Behörden mit einer Räumung zuvorgekommen wären.

Auch auf die Europäische Union ist die Autorin nicht gut zu sprechen, weil sie Italien Kultur, Sprache und Identität rauben würde. Alles klassische Themen der Rechten, die wohl nicht wenige der über eine Million Käufer dieses Pamphlets allein in Italien ausmachen dürften. Wenn in dem Buch Italiens Regierungschef Berlusconi kritisiert wird, dann von rechts. So wirft sie ihm vor, seine Bemerkung von der angeblichen Überlegenheit der abendländischen Kultur nach heftigen Protesten zurückgenommen zu haben.

Im August soll das Buch auch auf deutsch erscheinen. Eigentlich müßte die antifaschistische Linke schon in Abwehrstellung gegangen sein. Doch bisher ist davon nichts zu hören. So gab es bisher auch keine wahrnehmbaren Proteste, daß ausgerechnet Bahamas Fallaci bedingungslos verteidigt. Wenn der Verteidigungsminister »wegen Auschwitz« auf dem Balkan Krieg führt, kann man Hetze gegen Flüchtlinge eben auch mit antifaschistischer Entschlossenheit begründen. In Frankreich dagegen wollte die der jüdischen Community nahestehende Liga gegen Rassismus und Antisemitismus gemeinsam mit zwei weiteren Antirassismusorganisationen den Vertrieb des Buches per einstweiliger Verfügung untersagen. Die Pariser Richter mochten allerdings nicht im Eilverfahren entscheiden. Bis zur Eröffnung des Hauptverfahrens im Juli zumindest wird das Buch auf dem Markt bleiben. Die Kläger und ihre Anwälte vergleichen Fallacis Buch mit der antisemitischen Massenliteratur der 30er Jahre.

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