jungen Welt vom 09.12.2002Ist Israels Arbeitspartei eine Alternative zu Scharon?
jW sprach mit Dorothy Naor von der feministischen Oppositionsgruppe New Profile in Israel. In den letzten zwei Wochen hat sie an einer Rundreise israelischer Oppositioneller durch Deutschland teilgenommen
Interview: Peter Nowak / Ilse Schwipper

F: Sehen Sie in dem Spitzenkandidaten der israelischen Arbeitspartei, Amram Mizna, eine Alternative zu Scharon?

New Profile ist eine Nichtregierungsorganisation und nimmt daher zu parteipolitischen Themen nicht Stellung. Doch durch Gespraeche mit meinen Mitstreiterinnen weiss ich, dass der Grossteil der Aktivisten alles dafuer tun wird, dass Scharon bei den Parlamentswahlen Ende Januar abgewaehlt wird. Sie werden daher bei den Wahlen die Arbeitspartei oder die in der Friedensfrage viel konsequentere Meretz-Partei unterstuetzen.

F: Besteht nicht die Gefahr, dass Mizna sich zu einem zweiten Barak entwickelt und die Friedensbewegung enttaeuscht?

Das ist natuerlich nicht auszuschliessen. Zumal Mizna, wie fast alle fuehrenden Politiker in Israel, hoher General war und in militaerischen Kategorien denkt. Doch er ist wesentlich liberaler als Barak. Natuerlich hat seine Position ganz eindeutige Grenzen. Mizna hat angekuendigt, den Terrorismus zu bekaempfen und parallel dazu Friedensverhandlungen zu fuehren. Sollten die Friedensgespraeche scheitern, befuerwortet er eine Trennung von den Palaestinensern.

F: Was unterscheidet New Profile von anderen Organisationen der israelischen Friedensbewegung?

Wir sind eine Gruppe feministischer Frauen und Maenner, die nicht in einem Soldatenstaat leben wollen. Unserer Ueberzeugung nach waere Israel heute zu einer entschlossenen Friedenspolitik faehig. Wir weigern uns, unsere Kinder immer wieder zu Soldaten und Soldatinnen zu erziehen. Im Gegensatz zu Organisationen wie Gush Shalom sind wir Teil der radikalen Opposition. Radikal meint im israelischen Kontext, dass wir fuer einen voelligen Rueckzug aus den besetzten Gebieten eintreten.

F: Sie sprechen sich fuer den Boykott israelischer Waren aus. Was versprechen Sie sich davon?

Es gibt in der Geschichte genuegend Beispiele dafuer, dass mit einem Boykott Druck auf Regierungen ausgeuebt werden kann. Ich denke da nur an Gandhi in Indien, Martin Luther King in den USA oder den Warenboykott gegen Suedafrika waehrend der Apartheid.

F: Aber was denken juedische Holocaust-Ueberlebende ueber einen Israel-Boykott in Deutschland?

Es gibt Holocaust-Ueberlebende und Nachfahren von Shoah-Opfern, die sich aktiv in der israelischen Opposition engagieren. Sie begruenden ihr Engagement damit, dass in Deutschland ein Grossteil der Bevoelkerung zumindest weggesehen hat, als die Juden verfolgt, entrechtet und schliesslich vernichtet wurden. Sie wollen eben nicht zusehen, wenn anderen Menschen Unrecht geschieht. Damit stellen sie die NS-Politik gegen die Juden nicht mit der Unterdrueckung der Palaestinenser auf eine Stufe. Aber ihre Konsequenz aus der Shoah ist, dass man Unrecht nirgends und gegen niemand tolerieren darf.

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