jungen Welt vom 04.03.2002Wehrmacht verherrlicht
Spaltungstendenzen in der NPD. Tausende demonstrierten in Bielefeld gegen Nazi-Aufmarsch
Peter Nowak

Begleitet von mehreren Gegendemonstrationen sind am Samstag etwa 600 Neonazis auf Initiative der sogenannten Freien Kameradschaften um die Hamburger Neonazis Christian Worch und Steffen Hupka durch ein Bielefelder Industriegebiet marschiert. Anlaß des Zuges war die jüngst überarbeitete Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht«, die gegenwärtig in Bielefeld gezeigt wird.

Nachdem das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen einen Verbotsbeschluß wegen mangelnder Kooperationsbereitschaft des Anmelders Worch ausgesprochen hatte, wurde die Neonaziaktion noch am Freitag vom Bundesverfassungsgericht genehmigt. Antifaschisten hatten das vorausgesehen und im Internet sowie auf Flyern zu Protesten aufgerufen. Anfangs versuchten mehrere hundert Gegendemonstranten, den Neonazis die Zufahrt zum Versammlungsort zu versperren. Massiver Polizeieinsatz verhinderte das. Aber selbst die Polizei ließ es sich nicht nehmen, auf Buttons gegen »Gewalt und Ausländerfeindlichkeit« aufzurufen.

Zeitgleich demonstrierten auf Initiative des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zirka 3000 Menschen bei einem Sternmarsch in die Innenstadt gegen rechte Gewalt. Die Demonstrationen verliefen weitestgehend friedlich. Nach Polizeiangaben wurden 19 Personen aus dem linken Lager wegen Flaschen- und Steinewerfens vorübergehend festgenommen. Zu Festnahmen auf seiten der Neonazis kam es nicht.

Der Zug der Neonazis war mit zahlreichen Auflagen genehmigt worden. Um die Behörden zu besänftigen, reichte es allerdings, die verbotene Parole »Ruhm und Ehre der Waffen-SS« durch »Ruhm und Ehre der deutschen Wehrmacht« zu ersetzen. Wie üblich feierten sich die Rechten mit Parolen wie »Wir sind sauber. Wir sind deutsch« und »Hier marschiert die deutsche Jugend«. Gegen die »Schandausstellung« über Verbrechen der Wehrmacht hetzten sie mit wehrmachtverherrlichenden Slogans wie »Die Wehrmacht ist ein deutsches Herr – den Amis dient die Bundeswehr«.

Der gegen die NPD-Führung opponierende Landesverband Schleswig-Holstein schickte eine Grußadresse. So kam es, daß der seit längerem feststellbare Machtkampf zwischen NPD und Freien Kameradschaften auf der Demonstration eine zentralen Rolle spielte. Insbesondere am Partei-Neueinsteiger und Ex-RAF-Anwalt Horst Mahler scheiden sich die braunen Geister. Ein in Bielefeld zirkulierender Rundbrief oppositioneller NPD-Kräfte, für den der kürzlich aus der NPD ausgeschlossene Steffen Hupka verantwortlich zeichnet, kündigte für den Parteitag am 16./17.März eine »Entscheidungssschlacht« an. Die NPD-Opposition ruft für den 9. März unter dem Motto »Deutschland ist da, wo starke Herzen sind« zu einem eigenen Kongreß im Raum Berlin-Brandenburg auf. Auch der Kampf gegen die Wehrmachtsausstellung soll fortgesetzt werden.

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [Chronologisch99] [Chronologisch 2000] [Chronologisch 2001] [Chronologisch 2002]