jungen Welt vom 25.01.2002Trinken und träumen
In Stuttgart läuft Nanni Balestrinis Theaterstück »I Furiosi«
Peter Nowak

Im Stuttgarter Theaterhaus staunt der kulturliberale Bürger über Fußballatmosphäre. Dafür sorgt die Aufführung des Stückes »I Furiosi« des Mailänder Schriftstellers Nanni Balestrini. Der Name des Autors garantiert die Vermeidung leicht verdaulicher Schonkost. Der 1935 geborene Balestrini gehörte zu den linken Künstlern, die sich Ende der 60er Jahre heftige Auseinandersetzungen mit der offiziellen italienischen Staatskultur lieferten. Bald wurde der Begriff Neoavangardia für diese Leute geprägt, doch es ging nicht nur um kulturelle Fragen. Das wurde spätestens klar, als am 7.April 1979 gegen Balestrini und zahlreiche italienische Intellektuelle Haftbefehl wegen »Zugehörigkeit zu einer subversiven Vereinigung« erlassen wurde. Balestrini hatte Glück. Anders als sein Freund Toni Negri wurde er nach fünf Jahren Ermittlungen freigesprochen. Auch später gehörte er nicht zu den Künstlern, die ihre linke Vergangenheit abwarfen wie ein lästiges Kleidungsstück, um mit dem Staat Frieden zu machen. Sein 1994 in Mailand erschienenes Stück »I Furiosi« (Die Wütenden) gibt davon ein lebendiges Beispiel. Es ist ein Stück Unterklassenliteratur der besonderen Art. Die Fans des Fußballclubs AC Mailand erzählen über ihr Leben als Ultras, über ihre Tour durch Europas Städte und Stadien. Natürlich geht es um Alkohol, Gewalt und sexistische Sprüche, aber auch um ihre Träume von einem bürgerlichen Leben und um ständiges Scheitern, verursacht durch Eltern, Behörden und Polizei. Die Politik darf ebenfalls nicht fehlen. Nicht zufällig nennen sich die Fans »Rotschwarze Brigaden«. Erinnerungen an die italienische Stadtguerilla sind nicht zufällig. Denn diese Jugendlichen, die sicherlich wenig mit linken Theoriedebatten zu tun hatten, waren in vorderster Reihe auf der Straße, wenn es gegen den Aufmarsch von italienischen Faschisten oder auch gegen die Polizei ging.

Balestrini gehört nicht zu denen, die die Jugendlichen denunzieren oder auf die Sozialarbeitercouch legen. Er verarbeitet in dem Text seine Beobachtungen und verleiht den Jugendlichen eine Stimme. Er wundert sich nicht über die Gewalt der Fußballfans, sondern darüber, daß sie angesichts ihrer Lebensumstände nicht wesentlich härter ausfällt. Der Regisseur Sebastian Nübling hat sich bei seinen Stück an diese Intentionen Balestrinis angelehnt. Wenn die Fans auf der Bühne die Gesänge gröhlen und dabei ihre schwarz-roten Schals schwenken, kommt Fankurvenatmosphäre auf. Manchmal, gerade wenn Schulklassen im Zuschauerraum sind, werden die Rufe und Gesänge sogar vom Publikum aufgegriffen.

Das rief publizistische Bedenkenträger auf den Plan, die wohl ein Lehrstück gegen Hooliganismus erwartet hatten. Vielleicht lädt der leicht irreführende Untertitel »Eine Untersuchung über den möglichen Zusammenhang von Fußball und Gewalt« zu Fehldeutungen ein. »Verbrechen werden heroisiert«, heißt es im Feuilleton der Stuttgarter Regionalpresse. Dabei entgeht den Kritikern der emotionale Höhepunkt des Stückes, der die Fans nicht nur als dumpfe Schläger zeigt. Nachdem bei einer Panik in einem englischen Fußballstadion zahlreiche Fußballfans getötet oder schwer verletzt worden waren, stimmen die Jugendlichen die Hymne »You never walk alone« an. Da zeigt sich, daß es über alle Vereinsrivalitäten hinweg einen Ehrenkodex gibt, der auch den gegnerischen Fan einschließt.

Der Verfasser eines Verrisses versucht, Balestrinis Buch gegen das Theaterstück auszuspielen. Jeder kann sich am Originaltext überzeugen, daß er damit falsch liegt. Schon 1995 hat der Verlag ID-Archiv Balestrinis Text in einer Übersetzung von Dario Azzellini unter dem Titel »Die Wütenden« in deutscher Sprache veröffentlicht.

* »I Furiosi«, Regie: Sebastian Nübling. Stuttgarter Theaterhaus. Nächste Vorstellung: heute

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