jungen Welt vom 05.06.2002Rasterdenken statt Pluralität?
Der Nahost-Konflikt sorgt in der Antifabewegung für Verwirrung und Spaltungstendenzen
Peter Nowak

Rund 400 meist junge Menschen sind Mitte Mai gegen rechte Übergriffe in Suhl auf die Straße gegangen. Nachdem zunächst alles friedlich verlief, kam es bei der Abschlußkundgebung dann doch zu Auseinandersetzungen und Festnahmen. Auslöser dafür waren indes nicht etwa Neonazis. Eine kleine Gruppe sogenannter Antideutscher griff vielmehr einen jungen Demonstranten an, der eine Palästina-Fahne trug. Daraus entwickelte sich ein kurzes, aber heftiges Handgemenge.

Südthüringen ist kein Einzelfall. Der Nahost-Konflikt droht die parteienunabhängige Antifabewegung zu spalten. Während ein Teil der Antifaschisten mit Verweis auf die deutsche Geschichte mehr oder weniger bedingungslos für Israel Partei ergreift, stehen andere auf seiten der Palästinenser als Opfer von Kolonialismus und Unterdrückung. Diese Auseinandersetzung sorgt bei den meist sehr jungen Aktivisten für Unsicherheit und Verwirrung. »Ich will hier demonstrieren, weil ich etwas gegen die rechten Umtriebe in der Region machen will und bekomme zunächst einmal in einem Redebeitrag um die Ohren gehauen, daß ich kein Palästinensertuch tragen soll«, meint ein Berliner Schüler. Er hat Ende Mai in Berlin-Buch an einer Demonstration teilgenommen, die an die Ermordung eines Obdachlosen durch Neonazis erinnern sollte. Doch in mehreren Reden spielte der Nahost-Konflikt die entscheidende Rolle. Dazu gehörte eine Belehrung über politisch korrekte Bekleidungssitten. »Coole Kids tragen keine Palästinensertücher« ist beispielsweise ein von der Organisation JungdemokratInnen/Junge Linke verfaßter Redebeitrag betitelt, der in den letzten Monaten auf verschiedenen Demonstrationen verlesen wurde. Darin wird das unter linken Jugendlichen lange Zeit sehr beliebte Kleidungsstück als antisemitisches Symbol bezeichnet.

Im linken Internet-Netzwerk Indymedia sprachen Demonstrationsteilnehmer von einer »Instrumentalisierung« durch die Demo-Organisatoren. »Auch unter aktiven Antifaschisten kann und muß es zum Nahost-Konflikt unterschiedliche Meinungen geben«, heißt es dort. Das ist auch die offizielle Position der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB), einer der größten unabhängigen Antifaorganisationen in der Hauptstadt.

Doch nicht alle Antifaschisten scheinen von Toleranz anderer Meinungen in dieser Angelegenheit viel zu halten. So machte eine Gruppe während der Proteste gegen den Besuch von US-Präsident Bush Ende Mai in Berlin Jagd auf palästinensische Fahnen und Anstecker. Dabei kam es in einigen Fällen auch zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen deutschen Antifaschisten und palästinensischen Jugendlichen.

In Nordrhein-Westfalen werfen proisraelische Gruppen andersdenkenden Antifaschisten Antisemitismus vor. Die Hardliner unter den Antideutschen haben sich bekanntermaßen auch mit der US-Kriegspolitik seit den Anschlägen vom 11. September 2001 versöhnt.

Lachender Dritter sind die Neonazis, die diese Auseinandersetzung auf ihren Webseiten genüßlich kommentieren. Ihnen kann eine weitere Schwächung der Antifabewegung nur recht sein.

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