TAZ vom 6.5.2002Proteste geplant
In Berlin tagte der "linke Flügel" der Anti-Atom-Bewegung. Aktionstage in
Stuttgart ab dieser Woche
BERLIN taz Am Wochenende trafen sich mehr als 80 AktivistInnen von
Anti-Atom-Gruppen aus dem gesamten Bundesgebiet zur Frühjahrskonferenz im Berliner
Mehringhof. Den Anspruch, die gesamten AKW-GegnerInnen zu repräsentieren, hat
die Anti-Atom-Konferenz lange aufgegeben. "Wir sind der linke Flügel der
Bewegung", versuchte sich eine Teilnehmerin in politischer Standortbestimmung. Die
medienbekannten Umweltschutzorganisationen sind auf dem Treffen traditionell
nicht mit offiziellen Delegationen vertreten.

Die in Berlin versammelten Ökologen wollen weiterhin "Sand im Getriebe der
Atommafia" sein, auch ohne derzeit eine große Kampagne zu planen. Die Bewegung
will schon in wenigen Tagen ihre Aktionsfähigkeit in Stuttgart unter Beweis
stellen. Vom 11. bis 16. Mai tagt dort die vom Deutschen Atomforum
organisierte Jahrestagung Kerntechnik. Initiativen aus dem gesamten Bundesgebiet rufen
zeitgleich zu Anti-AKW-Aktionstagen in der Hauptstadt von Baden-Württemberg
auf (
www.antiatomforum.de). Auftakt der Proteste soll eine bundesweite
Demonstration am kommenden Samstag sein. Auch das Dauerthema der Anti-AKW-Bewegung,
die Blockade von Atomtransporten, wurde nicht vergessen. Unter dem Motto
"Trainstopping 2002" soll im Juni einer der ersten Transporte aus einem
norddeutschen AKW behindert werden. Details werden kurz vor Aktionsbeginn
veröffentlicht.

Anfang September soll gezielt der Uranabbau ins Visier genommen werden.
Neben einer Auftaktaktion vor der Urananreicherungsanlage Gronau stehen die
Blockade eines Urantransports und Aktionstage in verschiedenen Städten auf der
Agenda.

Großen Stellenwert im Berliner Mehringhof nahm die Auseinandersetzung über
den Umgang mit einem Delegierten der österreichischen Plattform gegen Temelín
auf dem Treffen ein. Die AKW-Gegner aus dem südöstlichen Nachbarland waren in
die Kritik geraten, weil sie bei ihrem Agieren gegen das tschechische AKW
Temelín wenig Berührungsängste mit Rechtsaußen hatten. So beteiligten sich
Vertreter dieser Bürgerinitiative an einer von der rechten FPÖ initiierten
Volksbefragung gegen Temelín. Und auf einer Grenzblockade konnte der
FPÖ-Chefideologe, Jörg Haider, gleich selbst seine Unterstützung für den Kampf gegen das
ungeliebte AKW im Nachbarland ausdrücken. Der österreichische Temelín-Gegner
beharrte auf einem pragmatischen Umgang.

Man würde an Unterstützung verlieren, wenn man über Haider und die FPÖ
diskutieren würde, meinte er vieldeutig, betonte gleichzeitig seine persönliche
Distanz zu der Rechtsaußenpartei. Die Mehrheit der Anwesenden wollte die
Zusammenarbeit zunächst ruhen lassen, die Auseinandersetzung über rechte
Einflussversuche in der Bewegung allerdings fortsetzen.

PETER NOWAK

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