jungen Welt vom 07.08.2002Drohender Feldzug gegen den Irak

Einverstaendnis von Abdullah Oecalan?
jW sprach mit Songuel Karabulut, Vorstandsmitglied des Kurdistan-Informationszentrums in Deutschland
Interview: Peter Nowak
Drohender Feldzug gegen den Irak: Einverstaendnis von Abdullah Oecalan?
Songuel Karabulut ist Vorstandsmitglied des Kurdistan-Informationszentrums in Deutschland

F: Die Tuerkei startete eine neue diplomatische Initiative, um einen Angriff der USA auf den Irak zu verhindern. Wie bewerten Sie diese Politik der Regierung Ecevit?

Diese Ablehnung basiert nicht auf antimilitaristischen Beweggruenden. Die Regierung befuerchtet, dass sich im Nordirak ein Kurdenstaat etablieren koennte und die Oelgebiete unter kurdische Kontrolle kommen. Natuerlich wissen diese Kraefte, dass sie einen Angriff der USA auf den Irak nicht wirklich stoppen koennen, sie wollen den Preis dafuer aber so hoch wie moeglich treiben. Die USA hat in Verhandlungen mit tuerkischen Politikern schon deutlich gemacht, dass die Tuerkei ein Stueck vom irakischen Kuchen haben kann, wenn sie sich am Krieg beteiligt. Wenn nicht, gibt es trotzdem einen Krieg, und die Tuerkei geht leer aus.

F: Auf der World Socialist Web Site wird Abdullah Oecalan mit den Worten zitiert, es gelte die USA und die Tuerkei dabei zu unterstuetzen, "den Irak zur Demokratie zu zwingen". Geht die kurdische Bewegung auf Kriegskurs?

Dieses Zitat kenne ich nicht. Allerdings hat Oecalan schon in den neunziger Jahren gesagt, dass von den weltweiten Umbruechen auch der Nahe Osten nicht verschont bleiben werde. Dort existieren zahlreiche autoritaere Regime aus der Zeit der Blockkonfrontation, die massgeblich vom Westen installiert wurden. Diese Regime muessen weg. Die KADEK (Kongress fuer Freiheit und Demokratie in Kurdistan) ist immer bereit, mit allen zusammenzuarbeiten, die auf eine Demokratisierung der Tuerkei, des Iraks, Syriens und anderer Staaten hinarbeiten.

F: Sind das nicht aehnliche Toene, wie man sie zur Zeit aus Washington hoert?

Sowohl die PKK als auch die USA sind fuer eine Aenderung der Verhaeltnisse im Irak. Die PKK hatte immer wieder der Oeffentlichkeit ihren Willen, fuer Aenderung der Verhaeltnisse im Irak einzutreten, erklaert. Doch in der Wahl der Mittel und Ziele gibt es gravierende Unterschiede. Waehrend die USA allein auf das Militaer setzen und den Willen der Bevoelkerung ausser acht lassen, wollen Kurden eine Demokratisierung, die von der Bevoelkerung erkaempft wurde, in der Tuerkei, in Syrien aber auch im Irak.

F: Besteht nicht die Gefahr, dass die Kurden in der Region abermals zum Spielball imperialistischer Interessen werden?

Der Status quo des vergangenen Jahrhunderts hat den Kurden keine Freiheiten gelassen. Daher begreift KADEK das Ende dieses Status quo als grosse Chance. Die kann allerdings nur wahrgenommen werden, wenn die Einigung aller in verschiedenen Laendern verstreut lebenden Kurden gelingt. Die USA setzen im Krieg gegen den Irak neben anderen politischen Kraeften auch auf die Kurden im Irak. Ich kritisiere nicht, dass kurdische Vertreter mit den Abgesandten der USA reden. Ich kritisiere aber, dass sie sich ausschliesslich darauf verlassen und eine Mobilisierung der Bevoelkerung vernachlaessigen

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