ND vom 9.8.02Etwas verändert
Die Linke nach dem 11.9. - Kongress an der TU Berlin

Von Peter Nowak


Nach dem 11. September ist nichts mehr so, wie es war.« Dies eine der
beliebtesten Phrasen nach den Anschlägen in New York und Washington vor einem Jahr.
Mit kritischen Impetus widmete sich an diesem Wochenende an der Technischen
Universität Berlin (TU) ein dreitägiger Kongress dieser Standardfloskel,
veranstaltet vom Middle East Media Research Institute (Memri), von der
entwicklungspolitischen Zeitung »iz3w« und der linken Wochenzeitung »Jungle World«, die
sich vor fünf Jahren nach einem Richtungsstreit in der Redaktion der »Jungen
Welt« gegründet hatte.
Was hat sich tatsächlich verändert, wie läßt sich die weltpolitische Lage
ein Jahr danach beschreiben? Diesen und anderen Fragen ging der Kongress nach.
Vor allem versuchte man zu bestimmen, wie eine emanzipatorische Bewegung
reagieren könnte und müsste. In sechs Arbeitsgruppen wurden der Stellenwert des
linken Antiimperialismus, die islamistische Ideologie, der Nahostkonflikt, der
Krieg gegen den Irak, das Verhältnis von Antiamerikanismus und
Antisemitismus sowie das neue Feindbild Islam diskutiert. Mehrere Referenten betonten,
dass die Linke in Zeiten der als Terroristenjagd apostrophierten Bush-Kriege
sich endlich wieder auf ihre Fähigkeit besinnen müsste, Kraft der Negation und
des Widerstands zu sein. Bedenkenswertes hierzu steuerten vor allem der in
Paris lebende Journalist Bernhard Schmid, Marco Bascetta aus Rom und Taheema
Faryal, Mitarbeiterin der afghanischen Frauenorganisation RAWA, bei.
Verwunderlicher war allerdings, dass manche Diskussionspartner für einen
US-Militärschlag gegen den Irak plädierten und dafür Applaus aus dem überwiegend
akademischen Publikum bekamen. Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk
sang gar inbrünstig ein Hohelied auf die USA als Hort der Freiheit, was
ebenfalls weitgehend widerspruchslos hingenommen wurde. Und dies auf einem Kongress
der Linken! - Es hat sich also doch etwas verändert, nach dem 11. September
2001: Mancher einst radikale Linke hat den US-Imperialismus lieben gelernt.

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