jungen Welt vom 30.03.2002Klaus Croissant-Zwischen allen Stühlen
Der frühere RAF-Anwalt Klaus Croissant starb in Berlin
Peter Nowak

»Der letzte Verteidiger des Rechtsstaats« wurde Klaus Croissant von vielen politischen Gefangenen in den 70er Jahren genannt. Als Verteidiger der Gründungsmitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) geriet Croissant bald selbst ins Visier des Staates und wurde als »Terrorhelfer« diffamiert. Schließlich wurde er wie sein Kollege Christian Ströbele aus dem Stammheimer RAF-Verfahren ausgeschlossen und einige Zeit später unter dem Verdacht der »Unterstützung einer kriminellen Vereinigung« verhaftet. Eine kurzfristige Haftverschonung nutzte er zur Flucht nach Frankreich, wo er politisches Asyl beantragte. Trotz internationaler Unterstützung wurde er an die deutsche Justiz ausgeliefert und 1979 zu einer zweieinhalbjährigen Haftstrafe und einem vierjährigen Berufsverbot als Anwalt verurteilt. Nach seiner Haftentlassung mischte sich Croissant in die Berliner Kommunalpolitik ein und kandidierte erfolglos für die Alternative Liste als Bürgermeister von Kreuzberg. 1990 trat der entschiedene Gegner einer Annexion der DDR in die PDS ein, geriet aber ins Abseits, als 1993 bekannt wurde, daß er der DDR-Staatssicherheit Informationen über die westdeutsche Linke zugetragen hatte, was ihm von vielen seiner ehemaligen Genossen als Vertrauensbruch angekreidet wurde. Im April 1993 wurde er wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit zu einer Bewährungsstrafe von 21 Monaten verurteilt. Nach mehreren Herzattacken zog sich Croissant fast völlig aus dem politischen Leben zurück und veröffentlichte lediglich sporadisch Aufrufe zur Freilassung der letzten RAF-Gefangenen. Croissant starb in der Nacht zum Donnerstag im Alter von 71 Jahren in Berlin.

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