TELEPOLIS17.01.2002 Eine Hand wäscht die andere

Peter Nowak
 
Kameraleute gaben Demo-Bilder an Polizei weiter

"Kameramann - Arschloch" diese einfallslose Parole ist ein
Dauerbrenner auf vielen Demonstrationen. Jetzt könnte sie wieder
Auftrieb bekommen. Die Bremer Lokalredaktion der Tageszeitung (taz)
konnte kürzlich nachweisen, dass Kameraleute in der Hansestadt
regelmäßig Fotos von Demonstrationen an die Polizei [1]liefern.

Die wiederum revanchierte sich mit Insidertipps über Action und
Randale, so dass die Fotografen ihre Kameras immer als erstes in
Position bringen konnten. Das Prinzip heißt: Eine Hand wäscht die
andere; die Polizei revanchiert sich mit Tipps, wo es Blut zu drehen
gibt" fasst TAZ-Redakteur Jan Kahlcke den Deal zusammen. "Die
Fotographen hatten keinerlei Unrechtsbewußtsein und frei weg von der
Leber über ihre Deals mit der Polizei erzählt" so Kahlcke.

Zu den Plaudertaschen zählt Andreas Aussem von der Bremer
Produktionsfirma Television Aktuell (TVA). "Ich mache denen immer
Prints fertig." Das geht praktisch zuhause am eigenen Rechner. Dafür
gibt es dann im Austausch "mal n' Tip" wird er von der Taz zitiert.
Sein Hamburger Kollege Gerrit Schröder von der Hamburger TVA-Firma
Radio-Tele-Commercial ( [2]RTC) gab sich ähnlich kooperativ gegenüber
der Staatsmacht. "Wir machen das öfter mal - gerade bei Demos." Da
komme von der Polizei schon mal die Anfrage: "Wenn ihr die Gesichter
close habt, können wir da vielleicht was mitnehmen?" Kein Problem, wer
sagt schon nein, wenn ein Tipp der Polizei bares Geld wert sein kann?

Der Vorteil für die Polizei liegt auf der Hand. Anders als die
Polizeikameras liefern die teueren High-Tech-Geräte der Fernsehfirmen
gute Fotos auch bei widrigen Lichtverhältnissen. Außerdem ist die
Abwehr und das Misstrauen bei den Demonstranten deutlich größer, wenn
die Staatsmacht selber am Auslöser sitzt. Nach der TAZ-Veröffentlichung
könnte die Rolle der Presse als neutrale Instanz in Frage gestellt
werden, befürchtet der Sprecher des Deutschen [3]Presserates Manfred
Protze. Auch die Deutsche Journalistenunion in der Gewerkschaft
[4]ver.di warnte vor einer Rollenverquickung zwischen Medien und
Polizei. Und auch die Firmen, für die die Kameraleute arbeiten,
distanzieren sich von dieser Praxis. Sie hätten damit nichts zu tun.
Das sei allein die Sache der einzelnen Kameraleute.

Die beiden in der Taz namentlich genannten Fotografen versuchten
wenige Tage ihre Angaben zu relativieren. Die seien wohl von dem Echo
auf ihre freimütigen Bekenntnisse erschreckt gewesen und fürchten um
ihre künftigen Aufträge, vermutet Taz-Redakteur Kahlcke. Er bleibt in
allen Punkten bei seiner Darstellung, die auch von keiner Seite
dementiert oder mit einer Gegendarstellung beantwortet wurde. Eine
richtig große Überraschung waren die Enthüllungen wohl für niemand. So
hat sich bisher keine politische Kraft dafür interessiert. Auch die in
Bremen oppositionelle grüne Partei hat das Thema bisher nicht
aufgegriffen.

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