ND 16.01.02Wo der Hass keine Grenzen kennt
Den palästinensischen Einwohnern Hebrons im Westjordanland wird das Leben
zur Hölle gemacht

Von Peter Nowak
Israelischer Panzer am Stadtrand von Hebron im Westjordanland
Foto: Reuters

Wer Hebron im Westjordanland besucht, der bekommt eine Ahnung, warum der
israelisch-palästinensische Konflikt so schwer zu bewältigen ist.
Zwei Straßen führen nach Hebron. Auf der einen von ihnen, die neu, gut
ausgebaut ist, sind erstaunlich wenig Autos unterwegs. Wenige Kilometer vor der
Stadtgrenze gibt es allerdings auch kein Weiterkommen. Der Bus muss vor einem
israelischen Grenzposten warten, der gleichzeitig der Eingang zu einer
israelischen Siedlung ist. Passieren dürfen die Straße nur dessen Bewohner und ihre
Freunde sowie israelisches Militär. Die Route zählt zu einem Straßensystem,
das die Siedlungen auf der Westbank und im Gazastreifen mit dem israelischen
Kernland verbindet. Palästinenser dürfen diese Strecke nur benutzen, wenn sie
einen speziellen Ausweis vorweisen können.
Der Fahrer unseres Reisebusses gehörte nicht dazu. Er wird zurückgeschickt
auf eine ältere, stark reparaturbedürftige Straße. Nach wenigen Kilometern ist
endgültig Schluss. Am Rand von Hebron muss der Bus geparkt werden. In die
Stadt kommt man nur zu Fuß. Vor einigen Wochen hat das israelische Militär den
Zugang zur Stadt mit Schrott und Steinen verbarrikadiert.
Der Eingang ist umlagert von finster blickenden Kindern und Jugendlichen.
Alte Frauen setzen vorsichtig einen Fuß neben den anderen, um die Hindernisse
zu überwinden. Auf dem Kopf balancieren sie schwere Lasten, Säcke mit
Nahrungsmitteln oder andere Güter des täglichen Lebens. Seitdem die palästinensischen
Bewohner vom Autoverkehr abgekoppelt sind, muss alles in die Stadt
geschleppt werden. Nur einige magere Esel stehen hinter der Sperre für Transporte
bereit. Aber auch mit ihnen kommt man nicht weit.

Als beträte man einen Hochsicherheitstrakt

Schon nach wenigen hundert Metern wird die Besuchergruppe von israelischen
Soldaten kontrolliert. Nach längeren Verhandlungen ist ein befristeter Besuch
möglich. Die Gegend um den alten Markt allerdings darf nicht betreten werden.
Der Weg zur Ibrahim-Moschee ist nicht weit, aber er hat es in sich. Man hat
den Eindruck, einen Hochsicherheitstrakt betreten zu wollen. Sämtliches
Gepäck wird akribisch kontrolliert. Alle Besucher müssen ihre Ausweise abgeben und
einzeln durch eine Schleuse gehen, bevor sie das muslimische Gotteshaus
betreten dürfen.
Ein älterer Mann will sich ein paar Schekel verdienen und führt die Besucher
durch das eher karge Gebäude. Er ist einer der wenigen Überlebenden jener
Tragödie, die die Moschee weltweit in die Schlagzeilen brachte. Im Jahre 1994
schoss dort der Kopf einer extremistischen Siedlergruppe, Dr. Baruch
Goldstein, auf betende Moslems. 29 Menschen starben, rund 130 wurden verletzt, bevor
der Todesschütze gelyncht wurde. Viel will der Mann, der mehrere Schüsse in
den Bauch überlebte, über die Ereignisse nicht erzählen. Nur eines will er
unbedingt loswerden: Goldstein war kein verwirrter Einzelgänger. Er war unter den
Siedlern anerkannt. Jetzt wird er von ihnen als Märtyrer verehrt, und seine
Grabstätte ist geradezu ein Wallfahrtsort.
Gelten doch Hebrons Siedler als fanatische Sektierer, die selbst von der
israelischen Rechten mit Argwohn betrachtet werden. Die israelische Anwältin
Felicitas Langer befasste sich in dem Buch »Wo der Hass keine Grenzen kennt« mit
der Geschichte dieser Bewegung, die sich auf die kurze jüdische Besiedlung
in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts beruft. Damals unterlagen die
jüdischen Siedler der arabischen Übermacht. 1929 kamen bei Unruhen 67 von ihnen ums
Leben. Für die heutigen Siedler sind sie Märtyrer. Vor den besetzten Gebäuden
stehen große Tafeln, auf denen sie als Helden und Vorkämpfer für Erez Israel
dargestellt werden.
Lange Zeit verhinderte die israelische Regierung eine erneute jüdische
Besiedlung Hebrons, weil sie Unruhen fürchtete. Doch 1968 unterlief der
extremistische Rabbi Levinger mit 32 Gesinnungsgenossen dieses Verbot, indem er sich im
Park Hotel in der Stadtmitte einquartierte. Bis zur Ankunft des Messias
wollte dort bleiben. 1970 gab die israelische Regierung schließlich grünes Licht
für den Bau der Siedlung Kiryat Arba am Stadtrand. 1979 besetzte Levingers
Frau ein altes Krankenhaus in Hebrons Innenstadt. Das war der Startschuss für
die Besiedlung der Altstadt durch israelische Extremisten.
»Sie haben nur ein Ziel, den Palästinensern das Leben so zur Hölle zu
machen, dass sie die Stadt verlassen«, meinte Doktor Taisir Zahdeh. Der Arzt leitet
eine gut gehende Klinik im Parterre seines Einfamilienhauses. Doch seit drei
Monaten ist diese geschlossen. Damals besetzten israelische Soldaten das
Dach des Hauses. Abgesehen von einigen Unterbrechungen haben sie es bis heute
nicht verlassen. Die Spuren der Verwüstung sind in den oberen Etagen
unübersehbar. Zerbrochene Flaschen, herausgerissene Rohre und Leitungen, kaputte
Fenster und Türen. Geblieben ist ein Unterstand samt Sandsäcken, was darauf
schließen lässt, das die unwillkommenen Besucher wohl bald wiederkommen werden.
Dr. Zahdeh fühlt sich seines Lebens nicht mehr sicher. Erst vor wenigen
Tagen hatten Scharfschützen aus einem von Siedlern besetzten Haus auf ihn
geschossen, als er in seinem Arbeitszimmer am Computer saß. Die Kugel verfehlte ihn
knapp, aber die zerborstene Fensterscheibe erinnert ihn immer wieder daran.
Auch auf der Straße wurde er schon mehrfach von Siedlern angegriffen und
zusammengeschlagen. Wenn er bei den allgegenwärtigen israelischen Militärs Anzeige
erstatten will, wird er verhört und bedroht. »Schutz gibt es für uns hier
praktisch nicht«, sagte der Arzt. Doch er zeigte keine Spur von Resignation.
Mehrere Angebote aus Italien, wo er einst studierte, hat er ausgeschlagen. »Ich
will nicht fliehen, sondern hier für meine Rechte kämpfen«, erklärte er zum
Abschied. Etwas leiser fügt er hinzu, dass er bestimmt jetzt wieder Ärger
bekommen werde, weil er mit Besuchern gesprochen hat.

Freiwild für Siedler und israelisches Militär

Auch die »Temporäre internationalen Präsenz in Hebron« (TIPH) ist schon
öfter ins Visier der Siedler geraten. Ihr Auto ist von Steinen durchlöchert, und
auch Schüsse wurden schon auf sie abgegeben. Die Mitglieder der TIPH sind auf
UNO-Initiative nach den Abkommen von Oslo in die Stadt entsandt worden und
sollen Konflikte schon im Ansatz schlichten. Meist sind sie freilich machtlos,
weil sie von israelischer Seite einfach ignoriert werden. Auch sie
bestätigen, dass Palästinenser in Hebron Freiwild für Siedler und Militärs sind.
Besonders haben Bewohner derjenigen Häuser zu leiden, die sich in der
Nachbarschaft von Gebäuden befinden, die von den Siedler besetzt wurden. Von
körperlichen Angriffen, über Zugangsblockaden bis zur Beschädigung der Wohnungen
reicht das Repertoire der Übergriffe und Schikanen gegen die palästinensischen
Bewohner Hebrons. Auch tagsüber ist die Stadt wie ausgestorben. Wenn sich auf
einem staubigen Platz einige palästinensische Kinder zum Spielen
zusammenfinden, werden sie von schwerbewaffneten israelischen Soldaten sogleich
auseinander gejagt. Am Ortsausgang ist die Militärpräsenz etwas geringer, in
Sichtweise sind die Soldaten aber immer.
Die Jugendlichen blicken noch finsterer, einer wirft Steine nach der Gruppe
und wird von Älteren zurückgehalten. Der Ruf des Muezzins hallt durch die
leeren Straßen. Als wir die Barrieren überquerten und in den Bus stiegen, waren
wir erleichtert, als hätten wir gerade ein schwer bewachtes Gefängnis
verlassen. Doch die mehr als 130000 Insassen bleiben ohne Hoffnung zurück, vergessen
von einer Welt, in der so viel über Freiheit und Demokratie geredet wird.

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