der jungen Welt vom 01.10.2002 Feminismus als Alternative?

Frauennetzwerke in Israel: Feminismus als Alternative?
jW sprach mit Haggith Gor Ziv, Mitbegruenderin und Aktivistin von New Profile, einer feministischen israelischen Gruppe
Interview: Peter Nowak

F: Was sind die Ziele Ihrer Organisation?

Wir sind eine feministische Gruppe und haben uns 1998 gegruendet. Heute haben wir etwa 60 Mitglieder. In unserem E-Mail-Verteiler sind mehr als 1000 Menschen aus dem ganzen Land, die wir mit unseren Aktionen erreichen koennen. Im Gegensatz zu anderen oppositionellen Gruppierungen in Israel stuetzen wir unsere Arbeit auf feministische Theoretikerinnen wie Cynthia Eloe oder Jacklyn Epstein.

F: Trotzdem ist New Profile keine reine Frauengruppe?

Nein. Etwa 80 Prozent unserer Aktivisten sind Frauen. Doch wir denken, dass eine feministische Perspektive keine Frage des biologischen Geschlechts ist. Auch Maenner koennen eine profeministische Politik machen.

F: Was bedeutet die feministische Perspektive in der aktuellen israelischen Politik?

Mit unserem feministischen Ansatz kaempfen wir darum, politische Probleme auf dem Verhandlungsweg und nicht mit Vergeltungsschlaegen zu loesen. Deshalb sind wir Teil der "Frauenkooperation fuer den Frieden", einem Zusammenschluss von mehr als 20 Frauenorganisationen. Doch unsere Arbeit geht darueber hinaus. Aus einer feministischen Perspektive analysieren wir Israel als ein militarisiertes Land. Das bedeutet konkret, dass politische oder soziale Probleme mit militaerischen Mitteln geloest werden. Das ist ein typisch patriarchaler Politikansatz. Dem setzten wir ein Netzwerk von Gruppen und Individuen entgegen, die dem patriarchalen Idealbild des starken Mannes nicht entsprechen und die deshalb in der israelischen Gesellschaft ausgegrenzt werden. Das sind Frauen, Migranten, Homosexuelle, aber auch die Palaestinenser.

F: Kann man angesichts des hohen Frauenanteils in der israelischen Armee von ungebrochen patriarchalen Strukturen sprechen?

Es gibt einen grossen Mythos um die Rolle der Frauen in Israels Armee. Tatsaechlich zeigen viele Studien, dass die Frauen dort nur eine untergeordnete Rolle spielen und dass es haeufig zu sexuellen Uebergriffen kommt. Die Benachteiligung setzt sich im zivilen Leben fort. Weil eine fuehrende Stellung im Militaer eine Voraussetzung fuer eine Karriere in der israelischen Gesellschaft ist, bleiben Frauen haeufig in untergeordneter Stellung.

F: Nun ist auch die palaestinensische Gesellschaft unbestreitbar patriarchal gepraegt. Wird dies ebenso kritisiert?

Wir leben und arbeiten in Israel und kritisieren unsere Gesellschaft. Wir arbeiten mit palaestinensischen Frauenorganisationen zusammen und unterstuetzen sie in ihrer Arbeit. Aber wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, die palaestinensische Gesellschaft zu kritisieren. Das heisst natuerlich nicht, dass wir mit der Politik dort einverstanden sind.

F: In Teilen der deutschen Linken wird die militarisierte israelische Gesellschaft mit dem Argument verteidigt, die juedische Bevoelkerung koenne sich nur so selbst verteidigen und vor Verfolgungen schuetzen. Sind das bedenkenswerte Argumente?

Auch in Israel werden immer wieder Verbindungen zwischen der israelischen Politik und dem Nationalsozialismus hergestellt. Ich stimme mit solchen Argumenten aus vielen Gruenden nicht ueberein. Erstens haben die meisten Menschen in der Welt nie einen Holocaust erlebt und leben trotzdem in einem eigenen Staat. Das Recht haben auch die Juden. Zweitens sind die Palaestinenser nicht die Nazis, die die Juden vernichten wollen. Es sind vielmehr Menschen, die um ihre Rechte kaempfen und deshalb mit den Israelis in Konflikt geraten. Das ist also eine voellig andere Geschichte.

F: Spielen die Diskussionen um den Holocaust in Ihrer Gruppe eine grosse Rolle?

Sowohl in linken wie in rechten Gruppen in Israel sind Menschen aktiv, deren Verwandte umkamen oder die Konzentrationslager gerade noch ueberlebt haben. Es sind aber unterschiedliche Konsequenzen, die sie daraus ziehen. Die Rechten sagen, nach Auschwitz muss alles getan werden, damit den Juden so etwas nie wieder geschieht. Wir sagen, es muss alles getan werden, dass es keinem Menschen je wieder geschieht.

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